💙💛 Regina Laska@Sunnymica
Warum die Welt gerade im kollektiven Narzissmus versinkt – und was das mit unserer Psyche macht
Ich habe vorhin das Video unten von einer Followerin zugeschickt bekommen. Darin wird ein Phänomen beschrieben, das wir aktuell weltweit beobachten können. Ob es die MAGA-Bewegung in den USA ist, die Wählerschaft der AfD in Deutschland, der Rassemblement National in Frankreich oder die Anhänger von Orbán in Ungarn: Überall sehen wir Gruppen, die sich einerseits als „etwas Besseres“ (exceptional) fühlen und gleichzeitig in einer permanenten Opferrolle verharren.
Wie ist das möglich? Warum sind so viele Menschen gerade jetzt empfänglich für diese Dynamik?
Um zu verstehen, was in großen Gruppen passiert, müssen wir uns kurz ansehen, wie Narzissmus beim Individuum funktioniert. Entgegen der landläufigen Meinung ist Narzissmus keine „übermäßige Selbstliebe“. Im Gegenteil: Er ist ein Schutzwall gegen ein tiefes Loch aus Minderwertigkeit, Scham und emotionaler Leere.
Oft liegt der Ursprung in der Kindheit. Wenn Kinder nicht richtig „gespiegelt“ werden – das heißt, wenn ihre emotionalen Bedürfnisse nicht wahrgenommen wurden oder sie nie gelernt haben, emotionale Resonanz zu empfangen und zurückzugeben –, entwickeln sie kein stabiles Selbstwertgefühl. Um psychisch zu überleben, erschaffen sie ein „grandioses Selbst“. Dieses künstliche Bild muss ständig von außen gefüttert werden. Bleibt die Bestätigung aus oder folgt Kritik, bricht das Kartenhaus zusammen. Die Folge: narzisstische Wut.
Jetzt zum Transfer vom „Ich“ zum „Wir“
Nicht jeder Wähler einer populistischen Bewegung ist ein klinischer Narzisst. Aber wir leben in einer Zeit der kollektiven Kränkung. In einer Welt, die sich rasend schnell dreht. Hinzu kommt, dass wir neben all den Kriegen und Krisen auch von Themen wie Digitalisierung, Umwelt, Globalisierung und Identitätsdebatten hin und her geworfen werden. Viele Menschen fühlen sich inzwischen abgehängt, ungehört oder in ihrer Biografie entwertet.
Hier passiert der psychologische Trick: Der kollektive Narzissmus - nicht im klinischen Sinne, sondern als gesellschaftliches Muster.
Wer sich als Individuum klein, machtlos oder unbedeutend fühlt, sucht Zuflucht in einer Gruppe, die Größe verspricht. Man transferiert den Wunsch nach Bedeutung auf das „Wir“. Und so denkt sich der ein oder andere: „Ich bin vielleicht arbeitslos oder verunsichert, aber ich gehöre zum wahren Volk.“ Oder: „Man hat mich vielleicht jahrelang ignoriert, aber meine Nation ist die größte der Welt.“ Die Gruppe wird zum externen Selbstwert-Spender. Wenn dann ein starker Anführer kommt und sagt: „Ihr seid etwas Besonderes“, dann heilt das für einen Moment den alten Schmerz der Nichtbeachtung.
Ob nun Ruhrpott oder Ostdeutschland: Wieso gibt es in manchen Regionen einen höheren Grad an kollektiver Kränkung?
Schauen wir erst einmal nach Ostdeutschland. Nach 1989 erlebten große Teile der Bevölkerung eine massive Entwertung ihrer Lebensleistung. Der Westen kam als „Lehrmeister“, die eigenen Biografien schienen plötzlich nichts mehr wert zu sein. Man fühlte sich nicht angenommen, nicht gesehen.
Ähnlich war es in Teilen des Ruhrgebiets: Kohlegruben wurden geschlossen, Stahlwerke dichtgemacht. Das, was Menschen dort seit Generationen gearbeitet hatten, war plötzlich verschwunden.
Solche historischen Verletzungen machen eine Gesellschaft extrem empfänglich für kollektiv-narzisstische Angebote. Wenn man sich vom „System“ gedemütigt fühlt, baut man sich ein eigenes Bild auf, um die Würde zurückzugewinnen. Das Problem: Dieses Bild ist oft exklusiv und aggressiv gegen alles „Andere“ gerichtet.
In dem Video wird es deutlich: Solche Gruppen sehen sich als Elite („Wir sind das Volk“), verharren aber im Modus des ständigen Beklagens. Warum? Weil der kollektive Narzisst den Feind braucht. Ohne den „bösen Feind“ (die Eliten, die Migranten, die Nachbarn, die EU), der uns angeblich vernichten will, müsste man sich mit der eigenen inneren Leere und den tatsächlichen, komplexen Problemen beschäftigen.
Das Feindbild dient als Kleber. Es rechtfertigt die eigene Aggression als „Notwehr“. Kritik an der Gruppe wird dann nicht mehr als politische Meinung wahrgenommen, sondern als existenzieller Angriff auf die eigene Identität. Deshalb prallen Fakten oft so wirkungslos ab.
Kollektiver Narzissmus ist also eine hochemotionale Antwort auf eine gefühlte Ohnmacht. Er bietet eine Abkürzung zu mehr Bedeutung, ohne dass man sich mit den eigenen Schatten beschäftigen muss, sein Leben ändert oder über einen echten Neuanfang nachdenkt. Der kollektive Narzissmus löst keine Probleme – er vertieft nur die Gräben.
Was allerdings auch wahr ist: Wir sollten endlich anfangen, Politik auch psychologisch zu verstehen. Es geht oft nicht um Inhalte, sondern um die Heilung von Kränkungen. Nur: Ein Kreuz auf einem Wahlzettel bei einer populistischen Partei ist keine Therapie. Eher eine kurzfristige Erleichterung, während das eigentliche Problem – die soziale und emotionale Entfremdung – weiter vor sich hin wabert.