Fabio De Masi 🦩@FabioDeMasi
Terrorismusexperte Neumann über die Häufung von Anschlägen vor der Bundestagswahl und den Zusammenhang mit dem nicht funktionierenden Integrationssystem und Nachahmungstäter👇🏼
„Fast alle Attentäter der vergangenen Jahre kommen aus dem Bereich Flucht und Asyl. Das zeigt zunächst mal, dass nicht der Islam an sich das Problem ist. Wir haben in Deutschland fünf Millionen Muslime, ungefähr die Hälfte hat türkische Wurzeln. Sie tauchen in der Terrorismusermittlung fast gar nicht auf. Aber wir sehen, dass Leute, die im Asylsystem sind, sich überproportional häufig radikalisieren. Das Problem ist also in erster Linie ein völlig überlastetes Asylsystem, das auch zu psychischen Erkrankungen und erhöhter Gewaltkriminalität führen kann. Es ist doch klar, dass es nicht gut gehen kann, wenn wir 100.000 junge Männer mit hohen Erwartungen aus Konfliktgesellschaften in ein System stecken, in dem sie keine Perspektive haben, keiner sinnvollen Tätigkeit nachgehen können und jahrelang in Unterkünften sitzen.
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SPIEGEL: Hat Sie diese Häufung der Anschläge im Moment also nicht überrascht?
Neumann: Nein, überhaupt nicht. Schon vor München, Villach und dem nicht islamistischen Anschlag in Magdeburg wurden im Zwei-Wochen-Takt Anschläge vereitelt, zum Beispiel in Baden-Württemberg, Hessen und Schleswig-Holstein. Ein ähnliches Muster beobachte ich auch in der Schweiz und Österreich. Die aktuellen Fälle sind also nur eine Fortsetzung von dem, was wir in den vergangenen zwölf bis 15 Monaten bereits beobachten konnten.
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SPIEGEL: Radikalisieren sich die Menschen inzwischen anders?
Neumann: Vor zehn Jahren, auf dem Höhepunkt der letzten Anschlagswelle in Europa, gab es funktionierende Netzwerke mit Menschen, die über Monate Anschläge geplant und durchgeführt haben. Die gibt es inzwischen kaum noch. In Solingen, München oder Villach handelte es sich um Einzeltäter, die nur geringen Kontakt mit dem IS hatten und auch nicht nach Syrien oder in den Irak reisten. Unter Forschern war es lange auch Konsens, dass es zumindest zusätzlich einen Einfluss offline braucht, also zum Beispiel einen radikalen Prediger. Das ist seit dem 7. Oktober 2023 anders. Wir registrieren immer mehr Fälle von Menschen, die sich ausschließlich oder fast ausschließlich über das Internet radikalisiert haben. Das liegt zum einen am Volumen an Propaganda im Internet, aber auch am Algorithmus. Es ist einfacher denn je, in Filterblasen gezogen zu werden.
SPIEGEL: Die Anschläge häufen sich nun gerade vor der Bundestagswahl. Gibt es einen Zusammenhang?
Neumann: Es gibt keinen Zusammenhang zur Bundestagswahl, der mir bewusst wäre. Natürlich fragen sich die Menschen, wem diese Anschläge nutzen. Man muss sich aber an die Fakten halten. Der IS hat nicht dazu aufgerufen, der letzte mir bekannte Aufruf für Anschläge in Deutschland betrifft das Oktoberfest.
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