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Heute ist der 86. Jahrestag des Massakers von Katyń.
Das Massaker von Katyń steht exemplarisch für den Vernichtungswillen totalitärer Regime: Im Frühjahr 1940 ließ das sowjetische Politbüro unter Stalin rund 22.000 polnische Kriegsgefangene, vor allem Angehörige der intellektuellen und administrativen Eliten, ohne Anklage und ohne Prozess vom NKWD ermorden.
Katyń erinnert zudem an einen langen und schwierigen Prozess der Aufarbeitung: Die westlichen Alliierten hielten die Wahrheit im Kontext des Kalten Krieges aus politischen Gründen über lange Zeit zurück, während das Thema in der kommunistischen Volksrepublik Polen offiziell tabuisiert war. In Russland wurde die Katyń-Lüge bis zum Ende der UdSSR aufrechterhalten und erst am 13. April 1990 offiziell aufgegeben. Seit einigen Jahren werden jedoch erneut gefälschte Dokumente verbreitet, und auf offizieller Ebene dominiert inzwischen wieder weitgehend die sowjetische Lesart, während im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine parallele Denk- und Handlungsmuster fortgeführt werden.
Zum historischen Hintergrund
Nach dem sowjetischen Einmarsch am 17. September 1939 wurden in den von der UdSSR annektierten ostpolnischen Gebieten im Oktober zunächst Schauwahlen durchgeführt, auf die unmittelbar eine aggressive Sowjetisierungspolitik folgte: Erschießungen, Verhaftungen und Verurteilungen, später dann Deportationen in sowjetische Gulags. Prof. Andrzej Paczkowski geht davon aus, dass zwischen 1939 und 1941 etwa eine Million polnische Bürger verhaftet, deportiert, gefoltert oder auf andere Weise unterdrückt wurden. Die Zahl der Todesopfer schätzt er auf etwa 90.000 bis 100.000. Hauptfeind der sowjetischen Besatzungsmacht war die polnische Elite.
Bereits am 19. September 1939 richtete Lawrenti Beria beim NKWD eine „Verwaltung für Kriegsgefangene und Internierte“ ein und ordnete die Schaffung eines Netzes von Lagern an. Anfang Oktober 1939 begannen die sowjetischen Behörden, einen Teil der Kriegsgefangenen zu entlassen. Gleichzeitig wurde beschlossen, zwei „Offizierslager“ in Starobelsk und Kozelsk sowie ein Lager in Ostaschkow aufzubauen.
Ende Februar 1940 wurden in den genannten Lagern etwa 15.000 Menschen gefangen gehalten - Reserveoffiziere, die bei Kriegsausbruch eingezogen worden waren und größtenteils der polnischen Intelligenz angehörten: Ärzte, Juristen, Schul- und Universitätslehrer, Ingenieure, Schriftsteller, Journalisten, politische Aktivisten, Staats- und Kommunalbeamte sowie Grundbesitzer. Neben ihnen befanden sich in den Lagern auch katholische, orthodoxe, protestantische und jüdische Geistliche.
Die Entscheidung
Die Anordnung zur Ermordung der polnischen Kriegsgefangenen aus den Lagern in Kozelsk, Starobelsk und Ostaschkow sowie der Gefangenen aus den NKWD-Gefängnissen in den ostpolnischen Vorkriegsprovinzen wurde in einem auf den 5. März 1940 datierten Brief von Lawrenti Beria an Stalin formuliert. Die darin genannten Polen seien, so Beria, „hartgesottene Feinde der sowjetischen Behörden und somit unfähig zur Besserung“. Sie alle „seien zu erschießen, ohne Vorladung, ohne Bekanntgabe der Anschuldigungen, ohne Anklage und ohne Prozess“.
Am 3. April 1940 begann die Liquidierung des Lagers Kozelsk, zwei Tage später folgten die Lager in Starobelsk und Ostaschkow. In den folgenden sechs Wochen wurden die Gefangenen gruppenweise aus den Lagern zu den Tötungsstätten gebracht. Insgesamt wurden 14.587 Menschen aus diesen drei Lagern ermordet.
Hinzu kamen rund 7.300 weitere Opfer aus Gefängnissen und Lagern in den von der UdSSR annektierten Gebieten: Mitglieder von Untergrundorganisationen, Offiziere, die im September 1939 nicht mobilisiert worden waren, Staats- und Kommunalbeamte sowie Personen, die aus Sicht der sowjetischen Behörden als „gesellschaftlich gefährliche Elemente“ galten.
In der Nacht vom 12. auf den 13. April 1940 wurden zudem die Angehörigen der Opfer Ziel einer weiteren Repressionsmaßnahme: einer Massendeportation tief in die Sowjetunion. Nach Angaben des NKWD wurden bei dieser Aktion insgesamt etwa 61.000 Menschen, vor allem nach Kasachstan, deportiert.
Die Meldung über die Entdeckung von Massengräbern in Katyń wurde von deutscher Seite am 11. April 1943 bekannt gegeben.
Am 15. April 1943 erklärte daraufhin das sowjetische Informationsbüro, polnische Kriegsgefangene seien bei Bauarbeiten westlich von Smolensk eingesetzt worden und „im Sommer 1941, nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen aus dem Smolensker Gebiet, in die Hände deutscher faschistischer Henker gefallen“.
Noch am selben Tag beauftragte die polnische Exilregierung ihre diplomatische Vertretung in der Schweiz, beim Internationalen Roten Kreuz die Einsetzung einer Untersuchungskommission zu beantragen. Auch die deutsche Seite hatte das IKRK zuvor kontaktiert – allerdings mit dem Ziel, den Eindruck zu erwecken, es habe eine koordinierte Vorgehensweise zwischen der polnischen Regierung und dem Dritten Reich gegeben, um so einen Keil zwischen die Alliierten zu treiben.
Joseph Goebbels notierte in seinem Tagebuch: „Die Katyń-Affäre entwickelt sich zu einer gigantischen politischen Affäre, die weitreichende Auswirkungen haben kann. Wir nutzen sie mit allen Mitteln aus.“
Am 3. Dezember 1941 fiel bei einem Besuch im Kreml in Anwesenheit des polnischen Ministerpräsidenten Władysław Sikorski, General Władysław Anders und Kommissar Molotow die berüchtigte, zynische Bemerkung Stalins, die polnischen Offiziere seien „in die Mandschurei geflohen“.
Zwei Jahre später reagierte Moskau scharf auf die geplante Untersuchung durch das Internationale Rote Kreuz. Am 19. April 1943 veröffentlichte die sowjetische Tageszeitung Prawda den Artikel „Die polnischen Helfer Hitlers“: „Die polnischen Führer folgten auf unverzeihliche Weise der hinterhältigen Provokation von Goebbels und unterstützten abscheuliche Lügen und verleumderische Erfindungen der Henker der polnischen Nation.“
Angesichts der sowjetischen Blockade der Katyń-Untersuchung durch das Internationale Rote Kreuz organisierten die Deutschen ihre eigene Untersuchung. Am 28. April 1943 traf auf Einladung der deutschen Behörden eine Gruppe internationaler Experten für Gerichtsmedizin und Kriminologie unter dem Vorsitz von Dr. Ferenc Orsós, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Budapest, am Ort des Verbrechens ein. Die Experten unterzeichneten einstimmig einen Bericht, in dem festgestellt wurde, dass polnische Kriegsgefangene im März und April 1940 hingerichtet worden waren.
Die Enthüllung des Verbrechens durch die Deutschen diente den Sowjets als Vorwand, die diplomatischen Beziehungen zur polnischen Regierung in London abzubrechen. Am 21. April 1943 schickte Stalin geheime, nur aus einem Satz bestehende Depeschen an Präsident Roosevelt und Premierminister Churchill, in denen er die Regierung von General Sikorski beschuldigte, in Absprache mit Hitler eine feindliche Kampagne gegen die Sowjetunion zu führen.
In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1943 brach Moskau formell die diplomatischen Beziehungen zur polnischen Exilregierung ab. Es war der erste Schritt des sowjetischen Diktators hin zur Schaffung einer eigenen Marionettenregierung in Polen. Von den Führern der Westmächte erhielt Polen keinerlei Unterstützung, da sie am alliierten Bündnis mit Stalin um nahezu jeden Preis festhalten wollten – selbst auf Kosten der Wahrheit über das Verbrechen von Katyń.
Nach der Besetzung von Smolensk Ende September 1943 durch die Rote Armee ernannten die sowjetischen Behörden die sogenannte Burdenko-Sonderkommission zur Untersuchung des Falles Katyń. Wenig überraschend lautete ihr Urteil, dass die Deutschen das Verbrechen zwischen September und Dezember 1941 begangen hätten.
Während der Nürnberger Prozesse 1945 brachten die Sowjets eine Anklage zum Massaker von Katyń in die Anklageschrift ein. Allerdings verzichtete das Nürnberger Tribunal 1946 darauf, dieses Verbrechen in das Urteil aufzunehmen – aus Mangel an belastbaren Beweisen.
Nach 1945 wurde das Katyń-Massaker im Ostblock jahrzehntelang entweder verschwiegen oder, wenn es nicht anders ging, aktiv propagandistisch bekämpft. Als die sogenannte Madden-Kommission des US-Kongresses in den Jahren 1951 bis 1952 ihre Tätigkeit aufnahm, befragte sie unter anderem Zeugen der Exhumierung von 1943 – darunter Józef Mackiewicz –, verifizierte in Zusammenarbeit mit Vertretern der polnischen Exilregierung verfügbare Beweise und kam zu dem Schluss, dass die Sowjetunion für „eines der barbarischsten internationalen Verbrechen der Weltgeschichte“ verantwortlich sei. Noch im selben Jahr veröffentlichte der stalinistisch-parteitreue Publizist Bolesław Wójcik das Buch Die Wahrheit über Katyń, in dem die Schlussfolgerungen der sowjetischen Burdenko-Kommission wiederholt und die USA beschuldigt wurden, Hitlers Thesen propagandistisch auszuschlachten.
Doch auch international gab es vereinzelt Stimmen, die das sowjetische Narrativ übernahmen. Ein prominentes Beispiel ist der vor einigen Jahren verstorbene marxistische Historiker Eric Hobsbawm mit seinem Buch Das extreme Jahrhundert, ebenso wie der pro-castro Publizist Richard Gott, dem später eine Zusammenarbeit mit dem KGB nachgewiesen wurde.
Indes ließ das polnische kommunistische Parteioberhaupt Władysław Gomułka 1956 in einem geschlossenen, parteiinternen Treffen durchblicken, dass es „zwei Interpretationen der Geschehnisse rund um Katyń“ gebe – eine sowjetische und eine amerikanische. Die polnische müsse, so Gomułka, „vernunftgeleitet“ sein und „reale geopolitische Gegebenheiten“ berücksichtigen.
In den 1960er-Jahren wurde alles unternommen, um Katyń aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen – selbst die polnische Enzyklopädie PWN erschien ohne einen einzigen Eintrag zum Thema. Infolge des wachsenden internationalen Interesses in den 1970er-Jahren und des Entstehens einer realen politischen Opposition in Polen wurde 1978 erneut versucht, an der propagandistischen Front gegenzusteuern – mit einem Büchlein, das sich explizit an die polnische kommunistische Armee richtete.
„Dzieje sprawy Katynia“ von Jerzy Łojek gilt als das erste Buch, in dem das Massaker von Katyń faktenbasiert aufgearbeitet wurde. Zu jener Zeit unterlag Katyń noch der Zensur – man durfte darüber öffentlich kein Wort verlieren. Deshalb erschien das Buch illegal in einem oppositionellen Verlag unter dem Pseudonym Leopold Jerzewski.
Im freien Polen erschienen dann mehrere Publikationen zu dem Thema, filmisch wurde das Massaker 2007 von Andrzej Wajda aufgearbeitet, dessen Vater selbst dem stalinistischen Massenmord an polnischen Offizieren zum Opfer gefallen war. Der Film machte das bis dahin außerhalb Polens weitgehend nur Fachleuten bekannte Verbrechen erstmals einem breiteren internationalen Publikum bekannt.
In Russland wurde die Katyń-Lüge bis zum Ende der UdSSR aufrechterhalten und erst am 13. April 1990 zeitweillig aufgegeben, als ein TASS-Kommuniqué den sowjetischen Geheimdienst NKWD offiziell für den Massenmord verantwortlich machte. Dokumente, die die Verantwortung des Politbüros der VKP(b) für das Massaker belegten, wurden 1992 vom russischen Präsidenten an Polen übergeben.
Große Verdienste um die historische Aufarbeitung kommen zivilgesellschaftlichen Organisationen wie dem inzwischen verbotenen und verfolgten NGO Memorial zu, ebenso wie Publizisten wie Wladimir Bukowski, der heimlich versteckte Kreml-Dokumente eingescannt hatte. Nach Putins Machtübernahme stockte der Dokumentenzugang zwar immer stärker, doch noch im Jahr 2010 schrieb er – damals als Premierminister –: „Die Erinnerung an die Verbrechen darf nicht versteckt und verheimlicht werden.“
Davon konnte 2020 keine Rede mehr sein. In einem in The National Interest veröffentlichten Artikel behauptete Putin, Katyń sei von Hitler-Kollaborateuren begangen worden. Wenige Sätze später bezeichnete er Polen pauschal als einen der zentralen Kollaborateure Hitlers – eine neue propagandistische Lesart. Mittlerweile wurde in Russland ein Gesetz verabschiedet, das die „Gleichsetzung des Dritten Reichs mit der Sowjetunion“ unter Strafe stellt. Es hat weitreichende Folgen für die offiziell anerkannte und einzig zulässige Interpretation des Katyń-Massakers in der Russischen Föderation.
Der Historiker Dr. Witold Wasilewski stuft das Massaker von Katyń als Genozid ein: „Die Opfer gehörten zur Elite der polnischen Gesellschaft – und genau das war der Hauptgrund, warum die Kommunisten sie vernichten wollten. Sie wurden Opfer eines klassischen Völkermordes, bei dem nicht konkrete, gerichtsfest nachgewiesene Handlungen über Leben und Tod entschieden, sondern allein die Zugehörigkeit zu einer nationalen, ethnischen, religiösen, politischen oder sozialen Gruppe.“
Angesichts des Kriegs in der Ukraine offenbaren sich zahlreiche niederschmetternd aktuelle historische Kontinuitätslinien in Russlands Vorgehen. Sie zeigen sich insbesondere im totalitären Propagandaapparat, in genozidalen Denk- und Handlungsmustern sowie in der Unfähigkeit, ein friedliches Staatswesen aufzubauen – eines, dessen raison d’être nicht auf permanenter Kriegsmobilmachung und imperialen Gelüsten beruht.

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