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Warum Prognosen ständig scheitern und man deshalb den Großteil seines Geldes prognosefrei Investieren sollte
Rückblickend wirken viele wirtschaftliche und finanzielle Wendepunkte geradezu offensichtlich. Die Japan-Bubble der 1980er-Jahre, die Finanzkrise 2008 oder die Zinswende 2022. Heute erklären Experten und Medien haarklein, warum alles so kommen musste. Menschen mögen solche Autoritäten, die ihnen Erklärungen und ein Gefühl von Kontrolle über die Welt geben können. Millionen von Usern im Internet folgen einer Reihe von Gurus, die tiefe analytische Einsichten versprechen, mit denen man den Markt timen könne.
Doch das ist meist Hindsight Bias. Im Vorfeld hielten selbst die renommiertesten Ökonomen, Zentralbanker und Analysten solche Szenarien für unwahrscheinlich oder gar unmöglich. Sie bauten Modelle auf vergangenen Daten, übersahen strukturelle Brüche, Emotionen und unvorhersehbare Schocks (sogenannte „Black Swans“). Wer dennoch versucht, Märkte zu timen, also auf Prognosen zu setzen wie „Zinsen bleiben ewig niedrig“, „Rezession kommt sicher“ oder „diese Blase platzt nie“, verliert langfristig oft massiv.
Prognosefreies Investieren, also diszipliniert und breit diversifiziert minimiert genau diese Risiken. Es geht nicht darum, recht zu haben, sondern dabei zu sein. Die Geschichte belohnt die Geduldigen.
Zum Ostermontag scheint mir wichtig, Menschliche Demut vor der Welt und den Ereignissen mal wieder hervorzuheben. Deshalb habe ich mal in die Finanzgeschichte geschaut und einige Beispiele für vollkommen schief gegangene Prognosen herausgesucht.
Klassiker: Der Börsenkrach 1929 und die Große Depression
Irving Fisher, einer der einflussreichsten Ökonomen seiner Zeit und Yale-Professor, erklärte am 16. Oktober 1929 vor der Purchasing Agents Association in New York: „Die Aktienkurse haben ein dauerhaft hohes Plateau erreicht. Ich erwarte, dass der Aktienmarkt in wenigen Monaten deutlich höher steht.“
Nur drei Tage später kam der Schwarze Donnerstag, gefolgt vom Crash. Fisher selbst verlor ein Vermögen und beharrte noch Monate auf einer schnellen Erholung.
Beispiel 2: Die Japan-Bubble der 1980er-Jahre und die „Lost Decades“
Ende der 1980er galt Japan als unaufhaltsame Wirtschaftsmacht. Der Nikkei-Index kletterte auf fast 39.000 Punkte, Immobilienpreise explodierten, und Analysten prophezeiten, Japan würde die USA bald überholen. Bücher wie Ezra Vogels „Japan as Number One“ (1979) verstärkten den Konsens: Japan als neues Wirtschaftswunder. Die Bank of Japan und internationale Experten sahen keine Gefahr. 1990 platzte die Blase. Deflation und stagnierende Wirtschaft folgten. Der Nikkei brauchte über 30 Jahre, um das alte Hoch wieder zu erreichen. Wer auf den „ewigen Aufstieg Japans“ gesetzt und nur japanische Aktien oder Immobilien gehalten hatte, erlitt Jahrzehnte von Null- oder Negativrenditen. Heute wirkt die Stagnation logisch aber damals hielt sie fast niemand für möglich. Ein prognosefreier Ansatz hätte einfach breit diversifiziert in globale Märkte investiert und die japanische Krise als temporären Schock ignoriert.
Beispiel 3: Die Finanzkrise 2008
Noch 2007 versicherten Top-Entscheidungsträger, alles sei unter Kontrolle. US-Finanzminister Hank Paulson erklärte im März 2007 vor dem Kongress: „Aus Sicht der Gesamtwirtschaft erscheint das Problem [Subprime] begrenzt.“ Fed-Chef Ben Bernanke sagte am selben Tag: „Der Einfluss der Subprime-Probleme auf die breitere Wirtschaft und die Finanzmärkte scheint moderat und wahrscheinlich begrenzt zu sein.“ Die meisten Prognosen rechneten mit einer milden Rezession oder gar keiner. Stattdessen folgte der schwerste Crash seit 1929: Lehman-Pleite, globale Rezession, Millionen Arbeitslose. Die Fed-Prognosen lagen um bis zu 5–6 Prozentpunkte daneben.
Beispiel 4: „Zinsen bleiben ewig niedrig“ (ca. 2015–2021)
Nach der Nullzins-Politik post-2008 und der Euro-Krise propagierten viele Ökonomen (darunter Anhänger der „säkularen Stagnation“ wie Larry Summers) eine „neue Normalität“: Dauerhaft niedrige oder negative Zinsen, schwaches Wachstum und deflationäre Tendenzen.
Ab 2021 explodierte die Inflation. Zentralbanken hoben Zinsen rasant an. Heute scheint die Zinswende „logisch“, damals galt sie als unwahrscheinlich. Ein prognosefreier Investor hätte einfach breit in Aktien und Anleihen diversifiziert und nicht auf Zins-Prognosen spekuliert.
Beispiel 5: Die „Große Depression 1990“
Der Ökonom Ravi Batra landete 1987 mit seinem Buch The Great Depression of 1990 einen Bestseller. Er prophezeite eine schwere Wirtschaftskrise ab 1990, ausgelöst durch Schulden, Ungleichheit und Zyklen. Das Buch wurde millionenfach verkauft und löste Panik aus. Stattdessen kamen die goldenen 1990er: Stabiles Wachstum, niedrige Inflation und eine jährliche US-Aktienrendite von rund 18 Prozent. Der Boom statt Bust. Investoren, die auf Batras Doom-Szenario setzten und aus Aktien ausstiegen, verpassten eine der besten Dekaden der Börsengeschichte.
Beispiel 6: „Dow Jones auf 36.000“ (1999)
James Glassman und Kevin Hassett veröffentlichten 1999 den Bestseller Dow 36,000. Sie argumentierten, Aktien seien massiv unterbewerte und der Dow werde binnen 3–5 Jahren auf 36.000 Punkte steigen. Stattdessen platzte die Dotcom-Blase 2000–2002, der Dow fiel stark. Es dauerte 22 Jahre, bis der Index die 36.000 tatsächlich erreichte.
Beispiel 7: „Der Tod der Aktien“ 1979
Am 13. August 1979 titelte Business Week: „The Death of Equities – How Inflation Is Destroying the Stock Market.“
Hohe Inflation, Stagflation und Renditen unter 3 Prozent machten Aktien angeblich unattraktiv. Sieben Millionen Privatanleger hatten seit 1970 den Markt verlassen. Experten sahen Aktien als „permanent tot“. Nur drei Jahre später begann 1982 einer der längsten Bullenmärkte der Geschichte. Der S&P 500 legte mit Dividenden reinvestiert über 7.000 Prozent zu. Wer auf den „Tod der Aktien“ hörte und ausstieg, verpasste Jahrzehnte enormer Gewinne.
Man könnte noch stundenlang so weiter machen. Nate Silver nannte die Geschichte der Wirtschaftsprognosen ein „komplettes Scheitern“. Modelle versagen bei Strukturbrüchen, weil Märkte komplex, emotional und von unvorhersehbaren Ereignissen geprägt sind. Selbst die Fed lag bei vielen Vorhersagen um mehrere Prozentpunkte daneben. Wer auf „richtige“ Prognosen wartet, sitzt zu lange an der Seitenlinie, verkauft aus Panik oder kauft zu spät.
Die empirisch überlegene Strategie ist einfach: Diszipliniert, kostengünstig und breit diversifiziert langfristig investieren. Beim Investieren geht es nicht darum, recht zu haben sondern dabei zu sein. Die Geduldigen gewinnen.
Und man sollte sich mit einer unbequemen Wahrheit anfreunden: Wir leben in einer Welt, die wir nicht so gut verstehen, wie wir vorgeben. Auch Experten können nicht in die Zukunft schauen, und der Zufall wird am Ende des Tages immer mehr über Erfolg und Misserfolg entscheiden, als uns lieb ist. Deshalb sollte man das kontrollieren, was man kontrollieren kann: Die eigene Einstellung und das eigene Risikomanagement. Alles andere nimmt man gelassen hin.