Ich hasse es, euch das jetzt mitteilen zu müssen, aber die Berliner Currywurst gehört verbannt und verboten. Sie ist unterirdisch. Dieses Fastfood strahlt einen völlig skurrilen Mythos aus, ist es doch das ikonische deutsche Großstadtessen, das zugleich für jeden zurechnungsfähigen Menschen gottlos und uncool wirkt. Die Berliner Currywurst hat hauptstädtischen Wiedererkennungswert, sie genießt Straßenbeliebtheit, es gibt »Curry 36« und Raptexte über sie. Und doch bleibt sie immer straight scheiße. Politiker lassen sich gern mit Currywurst und Pommes rot-weiß ablichten, um volksnah zu wirken. Das ist eine Lüge. Sie sind nicht volksnah – und die Currywurst ist auch nie wirklich lecker.
Eigentlich verkörpert die Berliner Currywurst die kulinarische Selbsterniedrigung einer Hauptstadt, die auch auf jeder anderen Ebene für Niedergang, Elend und Kaputtheit steht. In LA gibt es Birria Tacos mit genialen Salsas, an der Ostküste gibt es Smash Burger, in Nashville absurd scharfe Fried-Chicken-Sandwiches; in Italien locken absurd gute Paninis und Pinsas mit dickem Mortadella-Aufschnitt, Pistazienpesto, frittierten Kartoffeln, Burrata und Taleggio; es gibt frittierte Arancini, Pierogi und Zapiekanki in Polen, Kebab, Shawarma, Burrakas, Falafal-Wraps, kleine frittierte Tortillas und Bocadillos, dazu Fish and Chips und Philly Cheesesteak. All diese Gerichte eint: Sie sind nicht abgehoben, sondern Straßenessen, ziemlich trivial, keine Genießerküche und schnell zum Mitnehmen. Und sie sind alle geiler als die Dreckscurrywurst aus Berlin. In NRW wähle ich, wenn ich mich dem Arbeitermilieu nahe fühlen will, in zehn von zehn Fällen einen asozialen Taxiteller (mit gezapftem DAB-Bier) über die Currywurst, ernsthaft.
Schon die Entstehungsgeschichte der Currywurst ist Gotteslästerung: Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Curry als Gewürz von Indien nach Berlin, und Gastronomen hielten es für eine gute Idee, Würste mit und ohne Darm mit besagtem Curry, Tomatensoße, Ketchup, Zwiebeln und Gewürzen zu einer dicken Pampe zu verrühren, die man sich dann frierend an Stehtischen in der Berliner Kälte reinzieht. Daraus entstand ein seltsamer Kult mitsamt Lokalpatriotismus. Doch dieser Kult muss sterben, damit wir leben können. Es gibt zahlreiche großartige Berliner und deutsche Gerichte – esst Leber, Matjes, Bouletten, stolzen Heinrich, Königsberger Klopse oder Kassler –, die Currywurst gehört nicht dazu.
Sie ist ein Zeichen der Kapitulation vor sich selbst. Wir verachten die Currywurst.
Mega konsequent ist auch, wenn man online dazu aufruft, Harry Potter, Rammstein und Co zu boykottieren, weil man Probleme mit Rowling / Lindemann hat...
...dafür aber Twitter als Plattform wählt 👍🏻