
Sim@Lune
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Wegner geht – die Lüge bleibt im Kanzleramt Kai Wegner ist politisch am Ende. Am Freitag zog er seine Spitzenkandidatur für die Berliner Abgeordnetenhauswahl zurück, mit trauriger Miene, aber erst nachdem er ausgiebig seine angeblichen Verdienste aufgezählt hatte. Wer aber glaubt, damit sei diese Geschichte auserzählt, hat den entscheidenden Teil noch gar nicht gelesen. Denn was in den letzten Tagen ans Licht kam, ist keine Personalie mehr. Es ist die Geschichte eines Bundeskanzlers, dessen Amt monatelang eine Lüge stützte, bis ein Gericht es zwang, sie fallen zu lassen. Erinnern wir uns, worum es überhaupt geht. Am 3. Januar fiel im Bezirk Steglitz-Zehlendorf der Strom aus, nach einem mutmaßlich linksextremistischen Brandanschlag auf eine oberirdische Leitung. Zehntausende Menschen saßen im Winter ohne Heizung, ohne Licht, teilweise ohne funktionierendes Mobilfunknetz. Es war der längste Stromausfall der nördlichen Nachkriegszeit in dieser Stadt. Und wo war der Regierende Bürgermeister von Berlin, während seine Bürger froren? Er saß zu Hause am Frühstückstisch, verbrachte den Nachmittag beim Tennis mit seiner Lebensgefährtin, der Bildungssenatorin, und ließ seinen Sprecher am Abend verkünden, er sei "aktuell im Krisenstab mit allen zuständigen Stellen". Das war schlicht erfunden. Sein erstes dienstliches Telefonat an diesem Tag fand nach eigenen späteren Angaben kurz vor 13 Uhr statt, mit der Wirtschaftssenatorin. Ein einziger dokumentierter Kontakt zum eigentlichen Krisenstab ist überliefert, um 22.37 Uhr abends. Den ganzen Tag über wollte er angeblich telefoniert haben. Er hat es nicht. Das allein wäre schon ein handfester Skandal: ein Bürgermeister, der sich in der größten Versorgungskrise seiner Amtszeit als Krisenmanager inszeniert, während er in Wahrheit Doppelfehler spielt. Doch das eigentlich Bemerkenswerte ist, wie lange die Lüge am Leben gehalten wurde. Erst kam im Januar ein RBB-Bericht, dann im März weitere Tagesspiegel-Recherchen, die zeigten, dass Wegner den Umfang seiner Telefonate am Vormittag falsch dargestellt hatte. Auf jede Nachfrage antwortete er stereotyp, dazu sei bereits alles gesagt, ein Satz, der als Videoschnitt viral ging und zum Sinnbild seiner Amtsführung wurde. Ende März entschuldigte er sich im Landesparlament für "kommunikative Fehler". Und was passierte danach? Die Berliner CDU wählte ihn im Juni mit 92,6 Prozent erneut zum Spitzenkandidaten. Eine Partei, die einen Mann mitten in einem laufenden Lügenskandal mit einem Ergebnis feiert, das sonst nur Einheitslisten in Einparteienstaaten erreichen, muss sich nicht wundern, wenn ihr niemand mehr glaubt, dass sie aus Fehlern lernt. Doch damit sind wir erst bei der halben Geschichte. Wegner behauptete nämlich nicht nur, selbst durchgehend telefoniert zu haben. Er behauptete auch, mit dem Bundeskanzler persönlich gesprochen zu haben. Am 5. Januar sagte er im RBB, er habe tags zuvor "einmal mehr" mit Friedrich Merz telefoniert, eine seltsam gestelzte Formulierung für jemanden, der angeblich nichts zu verbergen hat. Die Berliner Senatskanzlei legte sogar Details nach: Das Gespräch habe am 4. Januar um 19.57 Uhr stattgefunden und vier Minuten gedauert, der Kanzler habe zurückgerufen. Das Kanzleramt selbst bestätigte am 9. Januar, Wegner habe am ersten Tag des Blackouts "mehrere Gespräche" geführt, darunter eines persönlich mit Merz. Im März legte ein Regierungssprecher noch eins drauf und sprach von mehreren Gesprächen mit Merz und Kanzleramtsminister Thorsten Frei. Präzise Uhrzeiten, präzise Gesprächsdauer, präzise Namen. Das klingt nicht nach einem Missverständnis. Das klingt nach einer abgestimmten Geschichte. Und dann, Stück für Stück, bröckelte auch diese Version. Im Mai musste eine Regierungssprecherin plötzlich einräumen, es habe lediglich ein Gespräch mit dem Kanzleramtschef gegeben, zu anderen Regierungsmitgliedern lägen keine Informationen vor. Wochenlang verweigerte das Kanzleramt dem Tagesspiegel danach jede weitere Auskunft, sodass die Zeitung Ende Juni einen presserechtlichen Eilantrag vor dem Berliner Verwaltungsgericht stellen musste, um überhaupt Antworten zu erzwingen. Erst durch diesen gerichtlichen Druck kam am vergangenen Freitag die eigentliche Bombe ans Licht: In einem Schreiben an das Gericht erklärte das Kanzleramt nun, soweit feststellbar habe der Kanzler während des gesamten Stromausfalls kein einziges persönliches Gespräch mit Wegner geführt, weder am Telefon noch im direkten Kontakt. Aus "mehreren Gesprächen" mit exaktem Zeitstempel wurde am Ende: gar keins. Und die offizielle Erklärung für diesen kompletten Rückzieher? Ein "Missverständnis in der Kommunikation". Man muss sich diese Chuzpe auf der Zunge zergehen lassen. Monatelang ließ das Kanzleramt eine detaillierte, falsche Darstellung stehen, korrigierte sie nur scheibchenweise, immer erst dann, wenn Journalisten unbequem wurden, und am Ende reicht ein einziges Wort, um sechs Monate Irreführung der Öffentlichkeit wegzuerklären. Wer monatelang schweigt und erst vor Gericht die Wahrheit preisgibt, hat kein Kommunikationsproblem. Der hat etwas zu verbergen gehabt, und zwar so lange, wie es irgend ging. Was sagt das über den Mann im Kanzleramt? Nichts Gutes. Ein Bundeskanzler, dessen Behörde bereit war, eine erfundene Heldengeschichte seines Berliner Parteifreundes über Monate mitzutragen, obwohl sie es hätte besser wissen müssen, stellt sich selbst ein Zeugnis aus. Es geht hier nicht um vier Minuten Telefonzeit. Es geht um die Frage, ob dieser Kanzler und sein Apparat bereit sind, die Öffentlichkeit zu belügen, wenn es einem Parteifreund nützt. Selbst aus dem linken Lager wird inzwischen offen gespottet, wenn auch aus den falschen Gründen: Man wirft dem Kanzler dort nicht vor, dass er eine Krise schlecht managt, sondern nutzt die Episode für billige parteipolitische Punkte. Das ändert nichts daran, dass der Kern der Kritik berechtigt ist. Wer sein Amt derart lässig mit der Wahrheit umgeht, hat jedes Recht verspielt, sich über Vertrauensverlust zu wundern. Und Wegner selbst ist beileibe kein Einzelfall in einer ansonsten sauberen Regierungsmannschaft. Da ist die Fördergeld-Affäre, in der unter dem Deckmantel der Antisemitismusbekämpfung Millionenbeträge offenbar nach Gutdünken verteilt wurden, die frühere Kultursenatorin musste deswegen zurücktreten, gegen sie wird wegen des Verdachts der schweren Untreue ermittelt. Da ist der entlassene Digitalstaatssekretär. Da ist der krachend gescheiterte Versuch, den Görlitzer Park nachts zu schließen. Und da ist ein Bürgermeister, der 2023 mit einem harten Law-and-Order-Versprechen ins Amt kam und anschließend fast überall das Gegenteil dessen tat, was er angekündigt hatte, bis hin zu einem eigenen, mit Steuergeld finanzierten Regenbogenwagen für den Christopher-Street-Day, der selbst den eigenen Koalitionspartnern noch zu billig war. Eine Partei, die glaubt, sich durch Anbiederung an das linke Milieu Wohlwollen zu erkaufen, während sie die eigenen Wähler mit erfundenen Krisenmanager-Geschichten abspeist, hat ihren Kompass verloren. Nachfolger als Spitzenkandidat wird nun Finanzsenator Stefan Evers, ein Mann, der bislang vor allem durch Unauffälligkeit aufgefallen ist und der CDU im Umfragetief vermutlich nicht mehr helfen kann, als es Wegner noch könnte. Am 20. September wird gewählt, und ausgerechnet Die Linke geht mit einer eigenen Kandidatin für das Rote Rathaus ins Rennen, die offen von einer rot-rot-grünen Koalition träumt. Sollte diese Rechnung aufgehen, wäre das die bittere Pointe eines Jahres, in dem die CDU ihre eigene Glaubwürdigkeit in Berlin methodisch demontiert hat, während der Bundeskanzler tatenlos zusah oder, schlimmer noch, mit deckte. Wegner tritt ab, formal bleibt er sogar noch Regierender Bürgermeister, einen sofortigen Rücktritt hat er ausdrücklich abgelehnt. Für die eigentliche Verantwortung interessiert sich in dieser Affäre ohnehin niemand ernsthaft, weder in der Berliner CDU noch im Kanzleramt. Man wartet einfach ab, bis das nächste Thema die Schlagzeilen übernimmt. Genau das ist das eigentliche Problem dieser Regierung: Nicht, dass Fehler passieren, sondern dass niemand mehr dafür geradesteht, wenn sie ans Licht kommen, es sei denn, ein Gericht zwingt dazu. Wenn das schon der Umgang mit einem lokalen Stromausfall ist, darf man sich fragen, wie ehrlich diese Regierung erst dann sein wird, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht. apollo-news.net/jetzt-wird-weg…











Der Fall Wegner ist kein Fall Wegner mehr, sondern ein Fall Merz. Warum hat der Bundeskanzler über ein halbes Jahr eine Lüge bei einem Terroranschlag gedeckt? Die Frage wird er beantworten müssen.




















