Marc A. Wilms@mawilms
Schau ich mir die europäische Automobilindustrie an entbehrt das nicht einer gewissen morbiden Faszination.
Man kann sozusagen einer Industrie dabei zuschauen, wie sie sich selbst immer weiter marginalisiert.
Übrigens weitgehend unabhängig von der Frage, um welches Land es geht.
Alphabetisch?
Audi
Die kamen, spät, aus dem nichts. Mit Motoren von Mercedes und Geld von Volkswagen. Erst als Piech dort Chef wurde und „Vorsprung durch Technik“ Motto wurde, die Klopapierrolle auf der Hutablage verbannt war und Quattro geboren, als man der erste mit Vollverzinkung in der Großserie, der erste mit Voll-Alukarosserie in der Oberklasse, das Thema „Qualität“ zum Credo gemacht hatte: Erst da wurde Audi auch beim Geld verdienen erfolgreich.
Dann fehlte erst Piech, dann die guten Leute, dann übernahmen die phantasielosen Erbsenzähler.
Heute fehlt Audi jeder USP. Die Technik ist Konzerneinheitsbrei, das Thema „Qualitätsführerschaft“ begraben, ohne eine „Großgrill-Fangemeinde“ wären sie noch schneller weg vom Fenster.
BMW
Auch die starteten spät. Aber sie besetzten ein Thema.
Bezahlbare Sportlichkeit.
Heute bauen sie beinah durchgehend „schwerstes Auto der Klasse“ und die einst deutlich sportliche Prägung hat sich in eine Art Moppeligkeit verwandelt. Ja, man ging designtechnisch Irrwege, die Bangle Ära hat anderen Firmen Kunden zugetrieben.
Und dann hat man den zuerst belächelten IDrive zum Top-Bediensystem entwickelt, zeichnete sich durch stabile Software aus: Nur um es ohne Not gegen Touchquatsch wegzuwerfen.
Und auch hier: Von Peak-Qualität und Verarbeitung hin zu lieblos zusammengeschustert, technisch immer zaghafter und mit optischen Neuerungen, die dafür sorgen, dass die Leute trotz des Designs BMW kaufen und nicht wegen.
Noch stimmen die Zahlen, weil man es immer schafft, gewerblichen Kunden passend zu ihren Policies Autos hinzustellen.
Ford
Einst mit Ideen wie dem „Weltauto“ Focus sozusagen omnipräsent.
Alt und einst furchtbar effektiv. Es war Henry Ford, der die Massen motorisierte, Jahrzehnte bevor es in Deutschland Autos für Jedermann gab.
Ja, zu meinen Lebzeiten war Ford nie technische Spitze, nie führend beim Design oder sonderlich innovativ. Aber sie versorgten, zu fairen Preisen, Menschen mit ihrem Grundbedürfnis an Mobilität.
Über Jahrzehnte.
Dann bekam der Granada Nachfolger Scorpio nach völliger Verunstaltung keinen Nachfolger. Und statt die Aufgabe eines Marktsegments als Verlust zu werten startete das Management ins Nirwana.
Heute haben sie außer Puma und Kuga die europäischen Verbrenner abgewickelt.
Basteln Elektroautos entweder im Badge-Engineering von VW zusammen oder missbrauchen den Namen „Mustang“ für eine Kreation zwischen allen Stühlen.
Und wären ohne Transen und Co. schon lange tot.
Selbstmord aus Angst vor dem Markt.
Mercedes-Benz
Die haben einen Konzernchef, der mitsamt seinem Vorstand jedes Gefühl für den Markt verloren hat.
Es wird sozusagen immer haarscharf am Bedarf vorbei gearbeitet.
Und kein Irrweg ist zu krude ihn nicht wenigstens einmal zu gehen.
Auch da ist das Thema „Qualität“ mittlerweile ein tiefes Tal der Tränen. Vordergründig sieht alles gut aus, „Bling-Bling“ sitzt, Klientel, die modeschmuckaffin durchs Leben geht wird bestens bedient.
Nur machen die Stammkunden nicht mehr wirklich mit.
Wer einmal in der Wackelverarbeitung von EQE oder gar EQS eine Weile verbracht hat möchte das nie wieder.
Und, Fehler erkannt? Nicht wirklich.
Technologisch, bei 800V Elektro, ist man Spitze. Aber es hilft sehr, wenn die Kunden sich nicht allzu genau mit dem verbauten Material beschäftigen.
Bei den Verbrennern dürfen wir uns nach der Kooperation mit Renault jetzt auf chinesische Motoren freuen. Oder beweinen, das man die Entwicklung hergeschenkt hat.
Porsche
Der Sündenfall. Da hat ein wokes Management mit Hass auf Automobile mit Verve am Bedürfnis vorbei Autos in den Makt gedrückt, die niemand wirklich will.
Der Taycan ist der Restwertvernichter par excellence, ich liebe es, ihn zu fahren. Der Rest der Kunden eher nicht so.
Der Elektro-Macan steht wie Blei.
Und die Lichtblicke sind hier unsichtbar.
Der Verbrenner-Macan, hier seit zwei Jahren kruder EU-Regulatorien wegen vom Markt, verkauft sich anderswo gut. Die verbleibenden Produktionskapazitäten werden voll ausgeschöpft, auf das man die Märkte wenigstens bedienen kann bis ein Verbrennernachfolger bereit steht.
Der Elektro-Cayenne ist so aggressiv eingepreist, dass er quasi auch als Werbegeschenk durchgehen könnte. Will trotzdem kaum jemand kaufen.
Also hängt, wie schonmal in der Geschichte, alles am Elfer.
Den gibt es, im Grunde mit „Variationen des gleichen Themas, die 471.“ In verschwenderischer Fülle.
Und doch gibt es Lücken. Die werte Gattin wäre im 250PS 911 D schon bestens unterwegs.
Renault
Die machen einiges richtig gut (Design, Verarbeitungsqualität), einiges so mittel (Raumausnutzung, Effizienz) anderes extrem selbstbewusst schlecht (Preise bei Alpine und Renault, Fertigungsqualität bei Dacia).
Dass sie aber mit ihrer Billigschiene Dacia Geld verdienen: Großes Kino!
Und konsequent durchgezogen. Die Autos qualitativ noch grade so verkaufbar, dafür exakt den Geschmack der Privatkunden treffend. Wenn man weiß „You get what you pay for” macht man nichts falsch.
Seltsam allerdings: Sie kannibalisieren sich konstant selbst.
Denn auch wenn Dacia Geld verdient: Ein in Frankreich produziertes Auto spült eigentlich mehr Geld in die Kassen.
Stellantis
Ja, von Alfa bis RAM ein buntes Portfolio. Und die Kernmarken werden ausgehungert.
Ob man jetzt die Plattform mit dem Opel-Blitz am Kühlergrill, dem Citroen-Logo oder dem Peugeot Löwen kauft: Man bekommt quasi immer zuverlässig „last in class“.
Innovationskraft trotz Riesenbude nah null. Technische Irrwege aber geradezu legendär.
Und im Grunde geht es stets nur darum, wie man Marken möglichst entkernt oder Scheinmarken aufbaut.
Dann die Verdoppelung von Verkäufen einer Nischen-Nische wie DS lautstark feiert.
Früher verkaufte allein Fiat von jedem einzelnen Modell der Palette mehr als alle DS zusammen je brachten.
Ja, bei Fiat ist es quasi der Vorzeigefall. Einst sowas wie ein Vollsortimenter, vom Kleinstwagen bis zur sportlichen Mittelkasse, ist heute die PKW-Sparte zu einem Witz verkommen.
Ähnlich wie bei Ford: Kein Händler kann noch allein von Fiat-Verkäufen exitieren, da herrscht sozusagen der Zwang zur Zweitmarke.
Und als Krönung kannibalisiert man sich durch Verkauf von Chinabombern wie Leapmotor das eh schleppende Geschäft bei Opel noch einmal zusätzlich.
Volkswagen
Die bitterste Geschichte.
Gebeutelt zwischen woken Missmanagement, unfähiger Politik und bemerkenswerter Kundenferne weiß man da schon nicht mehr, wo man mehr entsetzt sein soll.
Die Modellpallette ist ein bunter Mix von überaltert und überkandidelt.
Die Preise galoppieren den Käufern davon. Und nein, nicht nur bei der Kernmarke.
Skoda, anyone?
Einst synonym für faire Preise und clevere Ideen ist preislich so abgehoben, dass sich quasi nur noch gewerbliche Kunden oder an einzelnen Modellen bedient wird. Clevere Modelle wie einst ein Fabia Combi wurden gecancelt. Weswegen weiß niemand so genau.
In Spanien spielt man Marken-Mikado. Seat will niemand? Ok, machen wir bisschen mehr Bling-Bling, tackern „Cupra“ dran und juchhu!
Nun, nicht so sehr „juchhu!“. Keine Marke sieht man öfter in ruinösen Abverkaufsaktionen als Cupra. 333 PS für 169€ monatlich? Kommse zu uns!
Geld wird dort nur verdient, weil man relativ günstig für den Konzern produzieren kann.
Sieht man, woher der VW-Konzern kommt (gab Zeiten, da war die Hälfte der Verkaufs-TopTen Konzernware) kann man sich nur fürchten.
Und da hängen wirklich viele Arbeitsplätze dran. Aber so richtig.
Übrigens haben ALLE europäischen Marken ihr Heil beinah zwei Jahrzehnte in China gesucht. Nie verstanden, wie schnell die Chinesen lernen.
Nie kapiert, dass man als Minderheitspartner (und NUR als Minderheitsanteilseigner beteiligt man sich an chinesischen Firmen!) nicht Teil des Erfolgs ist sondern immer nur lästig.
Das gilt für die Zulieferer analog.
Deutsche und europäische Automobilindustrie.
DAS Sammelbecken für „Nieten in Nadelstreifen“, sozusagen ein eigenes Biotop.
In zehn Jahren gibt es in den TopTen der verkauften Autos noch 50% Europäer.
In 25 Jahren keine mehr.