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Der eigentliche Skandal an Söders Weimar-Warnung ist nicht die Warnung. Es ist die politische Selbstauskunft, die darin steckt.
Wenn ein Ministerpräsident sagt, eine Regierung dürfe jetzt nicht scheitern, weil sonst „der Weimarer Weg“ drohe, dann klingt das im ersten Moment staatstragend. Nach historischer Verantwortung. Nach Ernst der Lage.
Beim zweiten Hinhören klingt es anders.
Dann klingt es nach der alten Berliner Erpressungsformel: Wir liefern schlechte Politik, aber ihr müsst sie trotzdem stabil halten, weil die Alternative angeblich der Abgrund ist.
Das ist kein Ausweg aus der Krise. Das ist die Krise.
Natürlich ist die AfD ein Symptom einer massiven politischen Verwerfung. Natürlich ist es gefährlich, wenn ein wachsender Teil der Bevölkerung sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlt. Natürlich kann man nicht so tun, als sei ein Land völlig gesund, in dem immer mehr Bürger ihr Kreuz aus Protest, Wut oder Überzeugung bei einer Partei machen, die vom politischen Betrieb längst zum permanenten Ausnahmefall erklärt wurde.
Aber wer daraus den Schluss zieht, Schwarz-Rot müsse schon deshalb halten, weil sonst die Wähler falsch wählen könnten, hat Demokratie nicht verstanden. Oder schlimmer: Er hat sie verstanden und hält sie für zu riskant, sobald sie nicht mehr das gewünschte Ergebnis produziert.
Die Weimarer Republik ist kein rhetorischer Feuerlöscher für jede Regierungskrise. Wer Weimar sagt, muss auch erklären, was genau er meint. Institutionenzerfall? Präsidialkabinette? Gewalt auf der Straße? Verachtung des Parlaments? Ökonomische Schocks? Elitenversagen? Parteienzersplitterung? Oder meint er schlicht: Die Bürger könnten bei Neuwahlen anders entscheiden, als es den Regierenden lieb ist?
Denn genau da liegt der Punkt.
Die AfD wächst nicht, weil es in Deutschland zu wenig moralische Belehrung gibt. Sie wächst nicht, weil noch ein paar Talkshowrunden fehlen, in denen den Menschen erklärt wird, was sie zu denken haben. Sie wächst auch nicht, weil die Bürger plötzlich historisch ungebildet wären.
Sie wächst, weil zentrale Probleme jahrelang kleingeredet, ausgelagert oder mit Haltungssätzen überpinselt wurden.
Migration. Innere Sicherheit. Energiepreise. Deindustrialisierung. Wohnungsmarkt. Bürokratie. Schulen. Steuerlast. Kontrollverlust. Vertrauensverlust.
Das alles verschwindet nicht, nur weil ein Ministerpräsident die große historische Glocke läutet.
Im Gegenteil: Genau diese Art von Politik verstärkt das Problem. Erst wird jahrelang regiert, als seien Einwände bloß Störgeräusche. Dann wundert man sich über die Wut. Dann erklärt man die Wut zum Sicherheitsrisiko. Und am Ende soll ausgerechnet die Fortsetzung derselben politischen Maschine die Demokratie retten.
Das ist schon bemerkenswert.
Söder sagt sinngemäß: Wenn diese Regierung scheitert, profitieren die Falschen. Also darf sie nicht scheitern.
Aber eine Regierung hat nicht deshalb Bestand verdient, weil ihre Gegner stark sind. Sie hat Bestand verdient, wenn sie das Land besser regiert. Wenn sie Probleme löst. Wenn sie Freiheit schützt. Wenn sie Ordnung herstellt. Wenn sie dem Bürger nicht täglich das Gefühl gibt, er sei Zahler, Objekt, Belehrungsfall und Stimmvieh zugleich.
Demokratie ist nicht die Kunst, unangenehme Mehrheiten zu verhindern. Demokratie ist die Zumutung, sich ihnen politisch stellen zu müssen.
Auch die pauschale Verachtung einer Minderheitsregierung verrät viel. Eine Minderheitsregierung wäre unbequem. Sie müsste werben. Sie müsste Mehrheiten suchen. Sie müsste im Parlament argumentieren, statt Koalitionsdisziplin als Ersatz für Überzeugung zu benutzen. Sie müsste den Abgeordneten wieder zumuten, Abgeordnete zu sein.
Man kann gegen eine Minderheitsregierung gute Gründe vorbringen. Aber sie reflexhaft als Vorstufe zur Katastrophe zu behandeln, zeigt vor allem eins: die Angst vor Kontrollverlust im Maschinenraum der Macht.
Diese Republik leidet nicht an zu viel parlamentarischem Risiko. Sie leidet an zu viel Kartellroutine.
Immer neue Brandmauern, immer neue Alternativlosigkeiten, immer neue historische Drohkulissen. Und darunter ein Staat, der den Bürgern immer mehr nimmt, immer mehr vorschreibt, immer mehr verspricht und immer weniger zuverlässig liefert.
Das Vertrauen in die Demokratie erholt sich nicht durch Appelle. Es erholt sich durch Leistung. Durch Ehrlichkeit. Durch Begrenzung staatlicher Anmaßung. Durch sichtbare Korrekturen. Durch den Mut, Fehler einzugestehen. Durch Politik, die nicht zuerst fragt, wie man Konkurrenz moralisch delegitimiert, sondern warum so viele Menschen überhaupt dorthin abwandern.
Wer wirklich verhindern will, dass dieses Land in eine gefährliche Lage rutscht, sollte weniger Weimar sagen und mehr Bundesrepublik können.
Weniger Alarmismus. Mehr Problemlösung.
Weniger moralische Erpressung. Mehr politische Verantwortung.
Weniger Angst vor dem Wähler. Mehr Respekt vor ihm.
Denn wenn die Botschaft der Regierenden am Ende lautet: „Haltet uns an der Macht, sonst wird es gefährlich“, dann ist das keine Verteidigung der Demokratie.
Dann ist es die Bankrotterklärung einer politischen Klasse, die den Unterschied zwischen Stabilität und Selbsterhaltung nicht mehr sauber erkennt.
welt.de/politik/deutsc…


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