

In der ersten Hälfte der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts besuchte der Gründer der Türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürk die Mittelschule meiner Grossmutter, wo die Schülerinnen und Schüler zu Ehren des Gastes eine Art Theaterstück aufführten. Meine Grossmutter war im Stück vollständig in einen kara çarşaf verhüllt, eine in der Türkei übliche Form der Vollverschleierung. Im Stück war ihre Rolle, die Vollverschleierung von innen heraus zu entreissen und sich mit einem ähnlich schönen Kleid wie auf dem Foto zu zeigen. Ich bin mit dieser Geschichte aufgewachsen, die meine Grossmutter immer wieder mit vollem Stolz erzählte und hatte auch aufgrund anderer Umstände bereits als Kind eine anti-islamistische Einstellung. Dementsprechend war ich irritiert, als ich im Jahr 1979 in die Schweiz kam, wo man die islamisch motivierte Frauenverhüllung als etwas völlig Normales betrachtete. Besonders verärgert war ich über die Frage einiger Schulkameraden, ob meine Mutter sich ebenfalls verhülle. Mein Grossvater war ein Stoffhändler und meine Grossmutter eine Schneiderin, die mit den schönen Stoffen, die mein Grossvater verkaufte, Ballkleider nähte, nicht nur für sich, sondern für viele sehr dankbare Abnehmerinnen. Schon immer hat meine Familie sehr grossen Wert auf elegante Kleidung gelegt. Dementsprechend verletzte es mich, dass man ausgerechnet meine modebewusste Mutter mit der islamisch motivierten Verschleierung in einen Zusammenhang setzte. Einige Jahrzehnte nach meiner Zuwanderung fing man in Europa und anderswo im Westen damit an, den Hijab zu verherrlichen und selbsterklärte Feministinnen führten auch in der Schweiz sog. Hijab-Empowerment-Events durch. Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich das triggerte. Auch heute ärgere ich mich masslos darüber, wenn jemand, der die Bedeutung des Hijabs nicht kennt und mit dem Zeigefinger fuchtelnd auf die Religionsfreiheit verweist. Die Prägung, die ich schon als Kind hatte, blieb bis heute bestehen, auch lange nach dem Tod meiner Grossmutter. Ich denke nicht, dass sich daran etwas ändern wird. Aus mir wird kaum ein Hijab-Apologet. Ganz im Gegenteil habe ich einige Texte über die Bedeutung des Hijabs verfasst und mich in diesen sehr kritisch geäussert. Nach diesen Schilderungen sollte man sich vielleicht die folgende Frage stellen: Wenn sich meine Anti-Hijab-Einstellung, die ich schon als Kind hatte, nicht ändert, könnte dies im umgekehrten Fall gelingen? Gewiss habe ich durch Assimilation sehr viele Eigenschaften der Schweizerinnen und Schweizer angenommen und mir zu eigen gemacht. Gewisse fundamentale frühe Prägungen bringt man allerdings nicht weg. Ich betrachte mich zwar als assimiliert. Diese Assimilation bedeutet allerdings nicht die vollständige Aufgabe der Herkunftskultur. In meinem Fall bedeutet dies, dass ich meine Einstellung gegenüber der islamisch motivierten Frauenverhüllung kaum jemals ändern werde.
























