Kaiser Wilhelm II.@KaiserW1914_II
"Ich habe in Meiner langen Regierungszeit — es ist jetzt das zwanzigste Jahr, das Ich angetreten habe — mit vielen Menschen zu tun gehabt und habe vieles von Ihnen erdulden müssen; oft unbewusst und oft leider auch bewusst haben sie Mir bitter weh getan. Und wenn Mich in solchen Momenten der Zorn übermannen wollte und der Gedanke an Vergeltung aufstieg, dann habe Ich Mich gefragt, welches Mittel wohl das geeigneteste sei, den Zorn zu mildern und die Milde zu stärken.
Das einzige, was Ich gefunden habe, bestand darin, dass Ich Mir sagte:
Alle sind Menschen wie Du, und obgleich sie Dir wehe tun, sie sind Träger einer Seele aus den lichten Höhen, von oben stammend, zu denen wir alle einst wieder zurückkehren wollen, und durch ihre Seele haben sie ein Stück ihres Schöpfers in sich.
Wer so denkt, der wird auch immer milde Beurteilung für seine Mitmenschen haben. Wäre es möglich, dass im deutschen Volke dieser Gedanke Raum gewänne für die gegenseitige Beurteilung, so wäre damit die erste Vorbedingung geschaffen für eine vollständige Einigkeit.
Aber erreicht kann dieselbe nur in einem Mittelpunkt werden:
in der Person unseres Erlösers!
In dem Manne, der uns Brüder genannt, der uns allen zum Vorbilde gelebt hat, der persöhnlichsten der Persöhnlichkeiten. Er wandelt auch noch jetzt durch die Völker dahin und ist uns allen fühlbar in unserem Herzen. Im Aufblick zu ihm muss unser Volk sich einigen; es muss fest bauen auf seinen Worten, von denen er selbst gesagt hat:
„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“
Wenn er das tut, wird es ihm auch gelingen."
Wilhelm II., beim Festmahl der Provinz Westfalen am 31. August 1907.