Furkan Yildirim@FurkanCCTV
Du hast vielleicht schon einen Flug für den Sommer gebucht. Mallorca. Antalya. Mailand. Der Chef der Internationalen Energieagentur sagt heute wörtlich: Europa hat noch etwa sechs Wochen Kerosin. Danach werden Flüge nicht mehr verschoben. Sie werden gestrichen.
Fatih Birol hat diesen Satz heute, der Nachrichtenagentur AP ins Mikrofon gesagt. Im Hauptquartier der IEA in Paris. Nicht auf X. Nicht in einem Hintergrundgespräch. In einem aufgezeichneten Interview mit der zweitgrößten Nachrichtenagentur der Welt. Seine Formulierung: "Bald werden wir die Nachricht hören, dass Flüge von Stadt A nach Stadt B wegen Kerosinmangel gestrichen werden."
Sein Gesamturteil zur Lage: "Die größte Energiekrise, die wir je hatten." Der Mann, dessen Behörde 1974 gegründet wurde, um genau solche Krisen zu vermessen, sagt das. Nicht ein Analyst auf Social Media. Nicht ein Trader auf Bloomberg. Der Chef der IEA.
Er ist nicht allein mit dieser Einschätzung. Claudio Galimberti, Chefökonom bei Rystad Energy, hat zwei Tage vorher bei CNBC gesagt: "Die Situation kann in den nächsten drei, vier Wochen systemisch werden. Heftige Flugstreichungen in Europa bereits ab Mai und Juni."
Die Fluggesellschaften haben den Schock längst in ihren Zahlen. Wizz Air hat im März gemeldet, dass allein der Kerosinschock 50 Millionen Euro Gewinneinbruch für 2026 bedeutet. Virgin Atlantic-Chef Corneel Koster hat gestern an die Financial Times gesagt, seine Fluggesellschaft werde dieses Jahr auch mit Treibstoff-Aufschlägen keinen Gewinn schreiben. Sein Satz: "Was auch immer am Golf passiert, ein Teil dieser Störung der globalen Energiepreise wird bleiben."
Die US-Fluggesellschaften geben den Schock bereits an die Kunden weiter. Die Ticketpreise sind laut Consumer Price Index im März im zweistelligen Prozentbereich gestiegen, während die allgemeine Inflation einstellig blieb. Noch bevor die Streichungen kommen, kommt der Aufschlag.
Warum Kerosin der Markt ist, der zuerst bricht, und nicht das Rohöl selbst:
Kerosin ist eine eigene Kategorie im Raffinerie-Output, kein Restprodukt. Die Welt produziert keine beliebige Menge davon. Kerosin macht nur rund 9 Prozent der globalen Raffinerieleistung aus. Raffinerien optimieren ihren Produkt-Mix aktiv auf margenstärkere Ströme wie Diesel. Kerosin ist immer das Stiefkind im Raffineriewerk.
Nordwest-Europa bezog vor dem Krieg 59 Prozent seines Kerosins aus der Hormus-Region. Diese Ströme sind seit dem 28. Februar faktisch abgeschnitten. Der Rest läuft über Indien und die USA, und beide Quellen sind dünn. Indien hat eigene Versorgungsprobleme, weil Golf-Rohöl nicht mehr ankommt. Die USA werden von asiatischen Käufern überboten, die sogar Tanker mitten auf dem Atlantik umdrehen lassen.
Der IATA Jet Fuel Monitor zeigt die Eskalation in Zahlen. Ende Februar lag der Weltmarktpreis bei rund 95 Dollar pro Barrel. Bis zum 20. März bei 197 Dollar. Drei Wochen in Folge mit wöchentlichen Aufschlägen von 58,4 Prozent, 11,2 Prozent und 12,6 Prozent. In US-Dollar pro Gallone hat sich der Raffinerie-Preis verdoppelt, von 2,50 auf 4,88 in fünf Wochen.
Zum Kontext: Rohöl Brent notiert heute bei rund 95 Dollar. Kerosin liegt deutlich darüber. Das nennt sich Crack-Spread, der Aufschlag, den Raffinerien verlangen, um Rohöl in fertige Produkte zu verarbeiten. Dieser Aufschlag bewegt sich auf Rekordniveau. Er sagt: Die Nachfrage nach fertigem Kerosin übersteigt die Raffinerie-Kapazität, die aktuell in der richtigen Geografie steht.
Warum das nicht abflaut, sondern eskaliert: Flughäfen haben keine strategische Reserve wie die USA beim Rohöl. Die Lagerung bei Airlines, Flughäfen und Versorgern reicht weltweit typischerweise zwischen 30 und 60 Tagen. In Europa, wo 59 Prozent des Inputs plötzlich fehlen, ist dieser Puffer gerade abgeflossen.
Der Krieg begann am 28. Februar. Wir sind heute bei Tag 47. Birols 6-Wochen-Frist bringt uns auf Tag 89. Das ist genau der Zeitraum, in dem Lager physisch leerlaufen, wenn der Nachschub nicht kommt.
Birol bleibt bei der Einordnung nicht beim Kerosin stehen.
Sein eigentlich gefährlichster Satz geht noch darüber hinaus. Iran hat ein System eingeführt, bei dem Schiffe gegen Zahlung einer Gebühr die Straße passieren dürfen. Birol warnt: Wenn sich dieses "Mautstellen-System" etabliere, drohe ein Präzedenzfall. Es könne auf andere Meerengen übertragen werden. Konkret nennt er die Straße von Malakka in Asien, durch die rund ein Viertel des Welthandels läuft. Sein Zitat: "Wenn wir es einmal ändern, wird es schwer, es zurückzubekommen."
Das ist ein neues globales Handelsregime, öffentlich angedeutet vom Chef der Internationalen Energieagentur. Vor einer der größten Nachrichtenagenturen der Welt.
Die letzte Warnung eines IEA-Chefs auf dieser Stufe gab es nie, weil die IEA selbst erst 1974 als Reaktion auf das Ölembargo gegründet wurde. Das Embargo war der Anlass ihrer Existenz. Birol wählt jetzt bewusst dieselbe Stufe und setzt noch einen drauf. "Die größte Energiekrise, die wir je hatten." Größer als 1973. Größer als die Ölpreis-Spitze 2008. Größer als der Gas-Schock 2022.
Wenn er sich irrt, ruiniert er seine 30-jährige Karriere. Er hat keinen Grund zu übertreiben.
Der Preisticker erzählt dir heute, Öl ist von 128 auf 95 gefallen. Deal in Sicht. Krise verarbeitet.
Der Chef der Internationalen Energieagentur erzählt dir heute, dass Flüge in sechs Wochen gestrichen werden.
Eine dieser beiden Stimmen redet über Schlagzeilen. Die andere über physikalische Realität.
Ein schnelles Beenden des Krieges wäre aus meiner Sicht der einzige Ausweg aus diesem Szenario.
In diesen Recherchen steckt eine Menge Arbeit. Wenn dich solche Makro Insights interessieren und dir helfen, interagiere gerne mit dem Post. 🧡