
Jan-Eric Peters
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Jan-Eric Peters
@jep_
Journalist. Long time Editor-in-Chief WELT Group, Co-Founder UPDAY, Managing Director Neue Zürcher Zeitung Deutschland, Founding Director Axel Springer Akademie


Eine Lanze für den Kanzler: Bei allem Respekt vor @ronzheimer, aber das, was er hier mit in Gang gesetzt hat, ist grober Unfug. Immerhin ist es mal wieder schönes Anschauungsmaterial dafür, wie postfaktische Dynamiken funktionieren, die sich weniger durch gezielte Manipulation als durch kollektive Selbstmanipulation auszeichnen. Sie beginnen oftmals mit einem kleinen Missverständnis, einer Dekontextualisierung oder einem verzerrenden Framing, werden massenhaft kolportiert von einem Schwarm, der affektiv darauf anspringt – und enden binnen kürzester in einer Gewissheit der Masse, die sich nicht mehr wegräumen lässt. In diesem Falle in einem »Höhöhö, der Kanzler jammert über Online-Bashing«. Es ist zugleich auch Anschauungsmaterial für genau die Social-Media-Dynamiken, die der Kanzler in dem Interview anspricht. Nur werden vermutlich diejenigen, die sich über den vermeintlich dämlichen Merz beeumeln, die Ironie nicht verstehen, dass sie genau damit bestätigen, was er beschreibt. Warum? Erstens: Die Aussage von Merz bezieht sich explizit auf politische Social-Media-Dynamiken und hat damit zwangsläufig eine quantitative Dimension. Diese Dynamiken waren zu Zeiten Merkels bei weitem nicht so ausgeprägt wie jetzt, ganz egal wie tieffliegend die Anfeindungen aus den jeweiligen Richtungen qualitativ waren. Noch frühere Kanzler waren davon sogar ganz verschont geblieben: Social Media spielte da keine Rolle. Das ist ein Nobrainer. Mit Merz »konkurrieren« kann also allenfalls Scholz. Der hat gewiss viel abbekommen, ist aber sozial-medial nicht derart von zwei Seiten in die Mangel genommen worden. Bei Merz kommt das nicht nur von der AfD, sondern reicht bis in die Anhängerschaft des Koalitionspartners hinein, wobei es selbst unter vermeintlich gebildeten Menschen weitverbreitet ist, den demokratisch gewählten Kanzler als rechtsradikal oder gar Fascho-Handlanger zu attackieren. Das kannte man früher vom linken Rand, zieht sich aber mittlerweile weit ins linke Lager rein. Zum Teil wird das auch von zivilgesellschaftlichen Akteuren verbreitet, die mit staatlicher Förderung besonders aktiv in den sozialen Medien sind. Das alles macht die Feststellung, dass sich Merz als Kanzler sowohl quantitativ wie auch qualitativ einem Novum gegenübersieht, durchaus plausibel, zumindest diskutabel. Ronzheimer hätte gut daran getan, erstmal darüber nachzudenken, was an der Aussage dran sein könnte, statt affektiv auf eine Headline von @derspiegel zu reagieren. Vielmehr wäre ja dieser zu kritisieren, dass er mit so einem, aus dem Kontext genommenen Zitat als Headline den Fokus notwendigerweise auf diese Aussage legt und in Kauf nimmt, dass alle nur noch über die vermeintlich »weinerliche« Aussage labern, statt über die drängenden Themen zu diskutieren. Zweitens: Die Aussage von Merz steht im Kontext einer Frage des Spiegel. Dieser erkundigt sich beim Kanzler, welchen Preis er zu zahlen bereit ist, um notwendige Reformen durchzusetzen, Schröder-Vergleich inklusive, mit Referenz auf dessen Verlust des Amtes. Merz erklärt daraufhin, dass Schröder mit Widerständen zu kämpfen hatte, aber nicht mit diesen Social-Media-Dynamiken, die bei ihm ein neues Level für einen Kanzler erreicht hätten. Wirklich gar nichts ist bei Beachtung des Kontexts an diesen Aussagen problematisch oder sollte kontrovers sein. Wer hier überhaupt nur auf Merkel oder gar den vordigitalen Kanzler Kohl verweist, weil diese ja auch angefeindet wurden, erweist sich – mit Verlaub – als Idiot, der keine zwei Sätze miteinander verbinden kann. Alles, was man der Aussage ankreiden kann, ist die Wortwahl mit dem »ertragen«, die für Leute, die keinen weiteren Kontext erschließen können, weinerlich erscheinen kann. Ja, Merz hätte mitdenken sollen, dass viele der Social-Media-Maulhelden, die auf jedes Buzzword anspringen, nicht mitdenken können. Treffender wäre die Formulierung gewesen: »sah sich konfrontiert« oder so. Aber auch das ist bei etwas wohlwollender Interpretation keine Aufregung wert. Der Kontext ist ja klar: Es geht darum, wie sich jene Social-Media-Dynamiken auf die eigene Akzeptanz als Regierungschef auswirken – und damit auch die Durchsetzungsfähigkeit von Reformen oder längeres Regieren. Und das ist tatsächlich eine wichtige Frage, weil das Regierungspolitik heute vor große Herausforderungen stellt. Wer diesen Zusammenhang nicht versteht, obwohl er im Interview expliziert ist und Merz sogar sagt, dass er sich persönlich darüber nicht beschwere, dessen Politikverständnis ist deutlich mehr am Arsch als das von Merz. Und offenbar trifft das auf sehr viele Leute zu. Fazit: Wir sehen hier mal wieder ein Lehrstück in digitaler Kakistokratie. Die erregte digitale Masse beeumelt sich, wie lächerlich der Kanzler sei – und merkt in ihrer kollektiven Selbstvergewisserung nicht einmal, dass sie es ist, die sich lächerlich macht. Und das wird zum Problem für uns alle. Denn die vielen drängenden Fragen, die auch in dem Interview angesprochen werden, treten in den Hintergrund, einschließlich der Frage, wie man heute eigentlich noch stabil regieren kann, wo der politische Diskurs von einer Tyrannei der digitalen Minderheit geprägt wird, die von Aufreger zu Aufreger poltert und sich im Kleinst-Klein verliert, unfähig, größere politische Linien sinnvoll zu bearbeiten. Dass nun links wie rechts sehr viele nichts Besseres zu tun haben, als den Kanzler für so eine banale Aussage (irony incoming) »anzugreifen und »herabzuwürdigen« (Merz), sagt viel über den Zustand des Landes aus. Und dass dies auch jenseits der AfD geschieht, in einer Situation, wo sich diese als stärkste Kraft in den Umfragen festsetzt, lässt nichts Gutes erahnen. An politischen Kräften, die den Laden noch zusammenhalten wollen, mangelt es offenbar erheblich. Stattdessen haben wir gefühlt 80 Millionen Bundeskanzler, die sich über einen vermeintlich weinerlichen Kanzler beschweren, politisch aber nichts anderes machen, als sich ständig über Pillepalle zu empören, nicht selten jämmerlich und weinerlich.


Was will der Kanzler mit so einer Aussage erreichen? Mitleid? Erneut eine erstaunliche Kommunikation, wenn man noch dazu bedenkt, dass solche Interviews autorisiert werden, also sein Sprecher und er theoretisch Aussagen vor Veröffentlichung verändern können.


























