Sabitlenmiş Tweet

Liebes Tagebuch,
Auf der Zielgeraden in das Alleinsein dieser Tage beschäftigt mich, weshalb ich ganz ungewohnt keine Angst davor habe.
Auch, weshalb es sich frei von Scham vollzieht.
Denn sind wir mal ehrlich: Wer will schon alleine sein? Und sind nicht nur Weirdos alleine, die sozial Unfähigen, Gescheiterten, die, die niemand mag?
Wem erzähle ich von meinem Tag? Dem Hund? Der Zehnjährigen? Den Menschen auf X? Wo kotze ich mich aus, mit wem lache ich?
Oder kürzer: Mit wem teile ich?
Ist nicht jedes echte Leben zuallererst Begegnung?
Sieche ich also dahin auf dieser Insel, die ich mir selbst geschaffen habe? Mr. Wilson, wo bist du?
Nun ist mein Leben keine solche Robinsonade, fehlt ihm doch ein entscheidendes Kriterium: Ich bin hier nicht unfreiwillig.
Um im Bild zu bleiben: Ich war eigentlich mein ganzes Leben eine Flaschenpost in einem riesigen Ozean aus Einsamkeit (melodramatische Musik hier einfügen), mal bin ich hier gestrandet, mal dort, geheiratet habe ich gar, mal wurde ich zurückgeworfen, mal rollte ich mich selbst zurück in die Flut.
Immer wollte ich doch wieder irgendwo angespült werden, irgendwo ankommen.
Um des Ankommens willen, nicht, weil ich genau da sein wollte.
Ankommen ist ein Scheinriese.
Und deswegen fehlt die Angst: Ich will gar nicht irgendwo mehr ankommen. Ich will treiben. Ich will nicht mal das „Ankommen bei sich selbst“ bemühen, nein, ich will genau das vermeiden.
Ich möchte im Wasser liegen und schauen, wohin es mich ohne eigenes Zutun treibt.
Vielleicht schwimme ich mal in die eine oder andere Richtung und schaue mich um, aber ohne Landgang.
Der stille Ozean, die Einsamkeit ist mein Freund geworden über die Jahre, ich hab es nicht mal gemerkt. „Freiheit“, hat er geflüstert, wohl zu leise.
Zur Scham: Warum hab ich denn so wenige Freunde? Weil ich lieber alleine bin, that’s it. Das ist eine Leistung, kein Schicksal, man muss jahrzehntelang absagen, „nein“ sagen, sich nicht mehr melden, wenn man nicht von Natur aus der Grinch ist. Und selbst der wurde am Ende schwach, ja, es ist harte Arbeit, sich zu isolieren, Stichwort „Familie“ und schwurbelige Bringschulden und Blutsabhängigkeiten.
Tatsache ist, ich bin alleine besser darin, ich zu sein. Ich bin gerne ich. Der Typ, der liest und schreibt und nachdenkt, der so gerne lernt und beobachtet, der in Stille innerlich aufblüht, Kraft daraus zieht.
Der gerne unter Menschen ist, wenn er dabei anonym bleiben kann, im Café, in der Altstadt, beim Einkaufen.
Okay, Angst: check. Scham: check.
Dann … vielleicht ein Trauma? Doch besser Therapie?
Bleiben wir im Bild: Jule Vernes Kapitän Nemo freut sich sehr über die Gesellschaft * hust * Gefangene * hust * und doch, er ist hoffnungslos verloren in sich selbst, es nimmt kein gutes Ende.
Einfacher noch, Ahab! Auch bei Melville ist der Erzähler der, der am Leben teilnimmt, nicht der Einsame - und der Einsame geht am Ende im Wortsinne unter. Weil seine Dämonen ihn isoliert und ihm die Welt fremd gemacht haben, ihn der Welt nicht minder.
Nichts davon fühle ich. Ich bin mehr das Eichhörnchen aus Spongebob als Ahab oder Nemo. Ich mag die Menschen, nein, ich liebe sie. Ich nehme Anteil. Ich nehme teil. Alles gut.
Aber es ist eben nicht mein Lebensraum. Der ist in mir drin.
Danke, falls das jemand gelesen hat.
💛
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