Chris@ChrisV197
Hail Mary und Mount Rushmore
In der US-Politik wird die „Legacy“ – das bleibende Vermächtnis – für jeden Präsidenten in der zweiten Amtszeit zum zentralen Antrieb, denn das Ziel der Wiederwahl entfällt. Für den fast 80-jährigen Donald Trump gilt das in besonderem Maße: Getrieben von einem ausgeprägten Narzissmus kreist sein gesamtes politisches Selbstverständnis um das Konzept des „Gewinnens“.
Die Midterm-Wahlen zum US-Kongress am 3. November 2026, bei denen die Amerikaner das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu wählen, sind für Trumps Legacy von entscheidender Bedeutung. Aktuell ist die Gefahr, dass die Republikaner das Repräsentantenhaus verlieren, sehr hoch: Die Demokraten liegen im Generic Ballot zwischen 3 und 11 Prozentpunkten vorne und Wettmärkte wie Polymarket geben den Demokraten eine Wahrscheinlichkeit von etwa 84–85 %, die Mehrheit zu erobern. Die Gefahr, zusätzlich auch den Senat zu verlieren, ist mit knapp unter 50 % deutlich geringer. Das Risiko eines kompletten Machtverlusts (die Demokraten gewinnen beide Kammern) wird derzeit auf 45–50 % geschätzt. Trump droht damit, zu einer „Lame Duck” zu werden – einem Präsidenten, der kaum noch Gesetze durchsetzen kann. Eine demokratische Mehrheit würde auch sofort Untersuchungsausschüsse einrichten und aggressiv vorgehen. Trump selbst hat seine Parteikollegen bereits intern gewarnt: Im Falle einer Niederlage drohe ihm ein weiteres Impeachment-Verfahren.
„You gotta win the midterms, because if we don’t win the midterms… they’ll find a reason to impeach me. I’ll get impeached.“
Das mit Abstand wichtigste Thema für fast alle Wählergruppen ist die Bezahlbarkeit des Lebensunterhalts. Wenn Trump hier nicht liefert, werden die Wähler ihn abstrafen. Je länger der Iran-Krieg andauert, desto länger bleiben die Energiepreise auf einem hohen Niveau. Nur eine sehr schnelle Lösung gibt Trump die Chance, bis zu den Midterms zu liefern.
Der erträumte Blitzsieg ist nicht gelungen. Wie zu erwarten war, sind die Iraner nicht im Bombenhagel auf die Straße gerannt, um die Regierung zu stürzen. Der Iran verfügt weiterhin über ballistische Raketen und Drohnen, mit denen er Israel und die Golfstaaten angreifen kann. Das wichtigste Ergebnis des Krieges ist jedoch, dass der Iran durch die faktische Kontrolle der Straße von Hormus nun 20 % statt wie zuvor 4 % des weltweiten Öls kontrolliert. Eine Steigerung um satte 400 %. Zudem hat der Iran die Möglichkeit, über die Huthi noch mehr Druck auszuüben.
Der Preis, den die Iraner für den Frieden verlangen werden, ist klar erkennbar: die Anerkennung ihrer Hegemonie. Alles andere ist für Teheran vermutlich verhandelbar und durch Kompromisse lösbar.
Trump hat nur noch wenig Zeit. Entweder er akzeptiert eine weitere strategische Niederlage der Vereinigten Staaten oder er eskaliert militärisch, um die Straße von Hormus zu kontrollieren und den Ölpreis zu drücken. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit eines katastrophalen Scheiterns sowie des Einsatzes immer weiterer US-Truppen hoch. Damit hätte Trump genau das angerichtet, was er seinen Wählern versprochen hat zu verhindern.
Der Einsatz von Bodentruppen im März 2026 wäre ein radikaler Bruch mit seinem bisherigen Profil, ein „Hail Mary”, ein Verzweiflungswurf in letzter Sekunde. Viel leichter und erfolgversprechender wäre es, das umzusetzen, was sich in den letzten Tagen und Wochen bereits abgezeichnet hat. Trump könnte einen überwältigenden Sieg erklären und gleichzeitig einen potenziellen Sündenbock aufbauen. In diesem Fall ist das eindeutig Pete Hegseth. Wie Trump vor wenigen Tagen so schön sagte: „Wir saßen also zusammen, und ich glaube, Pete war der Erste, der vorschlug, anzugreifen.”
Die Iraner wissen das und haben in diesem asymmetrischen Konflikt die besseren Karten. Die entscheidende Frage lautet daher: Was ist für Teheran strategisch vorteilhaft? Die Antwort ist eindeutig: Die unangefochtene Hegemonie über die Straße von Hormus hat für sie absolute Priorität. Genau diese Kontrolle hat Trump den Amerikanern in den letzten Tagen als „Wir machen das irgendwie zusammen“ verkauft. Dazu fordern sie verbindliche Sicherheitsgarantien.
Die Iraner sind aber vermutlich klug genug um die Grenzen ihrer Möglichkeiten zur erkennen: Die USA werden ihre Basen im Golf vorerst nicht räumen, und Israel bleibt Israel. Dennoch ziehen die Golfstaaten bereits die bittere Lehre: Auf den Schutz der Vereinigten Staaten ist kein Verlass.
Ein weniger selbstsüchtiger Präsident würde an dieser Stelle die langfristigen Folgen eines Krieges mit dem Iran abwägen. Donald Trump ist jedoch ein kurz- und mittelfristig denkender, hochgradig opportunistischer Taktiker, dem noch nie übertriebener Altruismus vorgeworfen wurde. Es fällt deshalb schwer zu glauben, dass er für den „guten Zweck“ – einen vollständigen militärischen Sieg und die Installation einer proamerikanischen Regierung in Teheran – bewusst die Midterm-Wahlen riskiert und sich damit tröstet, dass ihn die amerikanischen und israelischen Geschichtsbücher später vielleicht gnädig behandeln werden. Wahrscheinlicher ist, dass er nach dem Motto handelt: „Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.” Und wer die Midterms 2026 gewinnt, bestimmt maßgeblich, wer diese Geschichte schreibt.
Wir können wohl davon ausgehen, dass der erfolgreiche Wahlkämpfer Trump noch an seine Siegeschancen glaubt.