Markus Bublitz@markus_bublitz
AfD Regierungsprogramm in Sachsen-Anhalt Teil 3.
Der freundliche Herr Siegmund und die Bildungspolitik.
Nachdem wir uns gestern die Familienpolitik des Regierungsprogramms der AfD angeschaut haben, werfe ich heute einen Blick auf die Bildungspolitik. Wie auch in den vorherigen Beiträgen, werde ich versuchen Migration und Weltbild soweit es geht auszuklammern (dazu kommt ganz am Ende der kleinen Reihe ein eigener Beitrag).
Viele Herausforderungen werden im Regierungsprogramm korrekt beschrieben: Unterrichtsausfall, überlastete Lehrer, dadurch 15% der Kinder, die nach der Grundschule nicht sicher lesen, schreiben oder rechnen können.
‼️Warum Eltern, Lehrer und Schülern trotzdem genauer hinschauen sollten:
1⃣🧑🎓Beginnen wir mit den Schülerinnen und Schülern, die es ja am unmittelbarsten betrifft - und für die stehen harte Zeiten an:
🏫Das Gymnasium wird der exklusive Schulzweig, der zum Abitur und damit zur Zugangsberechtigung von Universitäten und Hochschulen führt. Als politische Obergrenze für den Besuch eines Gymnasiums nennt die AfD eine Zielzahl von 25% der SuS eines Jahrgangs.
Klingt nach Leistungsorientierung - heißt aber ganz konkret, dass die Zahl der Kinder auf dem Weg zum Abitur politisch begrenzt werden soll - und rund 15% der Kindern eine Chance nehmen wird, die sie jetzt gerade haben: Den Besuch des Gymnasiums.
(Aktuell erhalten rund 36% der Kinder eine Empfehlung für das Gymnasium, 40% wechseln tatsächlich nach der Grundschule aufs Gymnasium - was übrigens ziemlich genau dem Bundesdurchschnitt entspricht...)
Dafür gibt's mehr Druck, eine frühere Sortierung und wahrscheinlich keine zweite Chance:
❌Die gymnasiale Oberstufe an Gesamtschulen soll abgeschafft werden, die Wiedereinführung von Real- und Hauptschulen wird als Ziel definiert.
Dazu passend soll die verbindliche Schullaufbahnempfehlung wieder eingeführt werden. Nicht mehr Eltern entscheiden über die Schullaufbahn, sondern Lehrerinnen und Lehrer nach der vierten Klasse.
👶Damit wird es schwieriger für alle Kinder, die sich etwas später entwickeln, eine Chance auf eine höhere Bildung zu erhalten. Wer mit 10 Jahren dem Druck nicht gewachsen ist, muss künftig die Haupt- oder Realschule besuchen. Nur bei sehr guten Noten auf der Realschule kann am Jahresende ein Schulwechsel beantragt werden, bedeutet dann aber ein neues schulisches Umfeld, neuer Klassenverband, neue Freunde. Ich kann mir vorstellen, wie heiß jemand mit 15 Jahren darauf ist.
🔨 : Damit das aber auch nicht zu leicht fällt, fordert die AfD eine strengere Benotung von Klausuren. Aus Sicht der Partei schreiben die Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt zu gute Noten. "Nur ein schweres Abitur aus der Krise des Bildungssystems".
Die frühe, verbindliche Sortierung und politische Quote für das Gymnasium trifft aber nicht nur leistungsschwache Schülerinnen und Schüler, sondern Spätentwickler, Arbeiterkinder, Kinder aus schwierigen Familien und eben das ganz normale Kind, das mit 10 Jahren noch nicht perfekt funktioniert. Ob das richtig ist, in einem Land, das jedes Talent braucht und für Kinder, die am Ende ihrer Schullaufbahn im Wettbewerb mit Kindern aus anderen Bundesländern stehen, mag jeder selbst beurteilen.
⚠️Zu Kindern, die nicht ins Weltbild passen, hat die AfD eine klare Meinung: Flüchtlingskinder werden als Belastung für das deutsche Kind betrachtet und gehören in Sonderklassen, ähnlich ergeht es Kindern mit Lernstörungen oder körperlichen Beeinträchtigungen: Diese haben getrennt beschult zu werden, Inklusion wird an den Schulen abgeschafft, Förderschulen wieder eingeführt. "Sie finden ja sowieso keine Freunde bei den Mitschülern".
2⃣ Für Eltern bedeutet das:
Nicht mehr Ihr kennt die Talente, Begabungen und den Entwicklungsstand Eures Kindes am Besten, sondern der Staat, der künftig von der AfD geführt werden soll (zumindest sofern es nach der AfD geht).
Wollt Ihr wirklich, dass Euer Kind künftig in ein enges, wenig durchlässiges System einsortiert wird? Ist es in Eurem Sinne, dass Eure Kinder künftig schlechtere Noten schreiben und es im (inter-) nationalen Wettbewerb um Studien- und Arbeitsplätze schwerer hat?
Auch, wenn mehr Ordnung, mehr Leistung, weniger Unterrichtsausfall erstmal toll klingen - ist es realistisch, das dies mit diesen Maßnahmen erreicht wird und seid ihr bereit, dass Eure Kinder den Preis dafür zahlen?
3⃣ Und für Lehrerinnen und Lehrer?
Das Regierungsprogramm benennt reale Probleme: Unterrichtsausfall, Bürokratie, Lehrermangel. Pensionierte Lehrer sollen zurückgeholt werden, Gleichzeit soll der Lehrerberuf attraktiver gemacht werden. Neu ist ebenfalls eine Pädagogische Hochschule, die die AfD gründen will. (*Hüstelnd im Geschichtsbuch blätternd*)
Andererseits gibt es mehr Kontrolle, Vereinheitlichung von Unterrichtsformen und Rückkehr zu Frontalunterricht, Hausaufgaben und regelmäßigen Leistungskontrollen.
Ein strenges Neutralitätsgebot soll dafür Sorgen, dass die Lehrenden ihre politische Meinung nicht mehr äußern. Für Fehlverhalten von Lehrern werden Meldestellen für Eltern und Schüler eingerichtet. Beschwerden sollen öffentlich sichtbarer gemacht werden.
Dazu gesellen sich verbindliche Vorgaben und landeseinheitliche Lehrmaterialien, quasi druckfrisch aus dem AfD geführten Bildungsministerium. Fast nichts davon ist falsch, Schule braucht Übung, Struktur und klare Standards. Aber Lehrer brauchen nicht nur Anweisungen von oben. Sie brauchen Zeit, Personal, weniger Belastung, gute Fortbildung, Sozialarbeit, Unterstützung bei Gewaltproblemen, pädagogische Freiheit und Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt.
Soweit so gut, hätte ich fast gesagt.
❓Aber was lernt man denn in Zukunft, wenn es nach der AfD geht:
Neu ist jedenfalls: Heilpflanzenpädagogik.
Dazu Nationenwerdung aus den Jahren 1813 und 1871 Deutsches Reich unter Bismarck.
Hinzu kommt russisch als Fremdsprache und Schüleraustausch mit Russland.
Word und Excel werden im Pflichtfach Informatik gelehrt.
Programme wie "Schule gegen Rassismus" werden eingestellt, weil "unter ihrem Deckmantel gegen legitime rechte und patriotische Einstelellungen vorgegangen wird".
Jeden Morgen wird die Deutschlandflagge gehisst, bei Feierlichkeiten wird die Nationalhymne gemeinsam gesungen.
Macht die AfD die Schulen wirklich besser – oder nimmt sie Kindern Zukunftschancen?