🅱️aha
69.7K posts

🅱️aha
@baha_jam
"Schlaumeier hoch zehn" (Feldenkirchen, Jauchegrube, 2025) | Anständige Polemik | Konservativ grundierter Pragmatismus | Token by nature


Der Rücktritt von Jens Spahn als Unionsfraktionschef nach der Geburt seines Kindes durch eine Leihmutter wirft für mich mehr Fragen auf, als er beantwortet. Spahn und sein Mann Daniel Funke kennen sich seit dem Frühjahr 2013. Ein Kinderwunsch entsteht nicht über Nacht. Leihmutterschaft in USA bedeutet einen langwierigen Prozess. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Beginn einer Schwangerschaft vergehen in der Regel viele Monate. Die Leihmutter von Spahns Kind war nach Medienberichten bereits im Februar 2026 etwa vier Monate schwanger. Der Embryotransfer muss daher im Herbst 2025 stattgefunden haben. Die Entscheidung für diesen Weg und der Beginn des gesamten Prozesses lagen folglich deutlich früher. Sie wurde vermutlich im Verlauf des Jahres 2025 oder sogar bereits Ende 2024 getroffen. Im Sommer 2025 geriet die schwarz-rote Koalition unter Kanzler Merz und Fraktionschef Spahn in eine Krise um die Richterkandidatin Frauke Brosius-Gersdorf. Es kam zu einem Aufstand der Unionsbasis, und es entbrannte eine grundsätzliche Debatte darüber, was zum christlichen Profil der CDU gehört: Lebensschutz, Menschenwürde und die Frage, wo ethische rote Linien bei Schwangerschaftsabbrüchen verlaufen. Spahn schrieb Briefe an die Fraktion, räumte ein, die Dimension der inhaltlichen Bedenken in der eigenen Fraktion unterschätzt zu haben. Zu dem Zeitpunkt muss der Embryotransfer schon festgestanden haben und Spahn im Wissen agiert haben, dass er Vater werden dürfte. Zu dem Zeitpunkt muss sich das Paar Funke/Spahn auch schon Gedanken gemacht haben, wie man die Entscheidung nach innen und außen kommunizieren wird müssen. Im Februar 2026 bekräftigte der CDU-Bundesparteitag in Stuttgart: Leihmutterschaft, auch die sogenanten altruistischen Formen, sollen in Deutschland verboten bleiben. Spahn war beim Parteitag. Während all dieser Debatten schwieg er zum Thema, wohl auch gegenüber der CDU-Führungsriege. Nur wenig später, im April 2026, sorgte Spahns CDU-Parteikollege Hendrik Streeck für Aufsehen, weil mit seinem Mann über eine Leihmutter in den USA Vater geworden war. Die Berichterstattung in »Bild« und »Bunte« sorgte für heftige Kritik an Streeck, vor allem aus konservativen und kirchennahen Kreisen. Spahn schwieg, weihte weiterhin die Führungsriege nicht ein, aber muss das alles mitbekommen haben – wenige Monate, bevor sein Kind zur Welt kam, nachdem er (oder sein Partner) für ein 20-Wochen-Ultraschall in den USA gewesen sein müssen und zu einem Zeitpunkt, an dem eine Fehlgeburt sehr unwahrscheinlich wird (in den ersten 2.5 Monaten ist sie sehr hoch). Mitte Juli 2026, kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause, wird die Geburt des gemeinsamen Sohnes dann über eine Homestory von Tanja May in der »Bild«-Zeitung publik gemacht: mit Fotos und dem bekannten sentimentalen Duktus. Spahn und Funke (der übrigens Kommunikationsexperte ist) mussten sich zu diesem Zeitpunkt, nach dem Streeck-Fall und dem klaren Parteitagsbeschluss, der politischen Brisanz ihres Schrittes bewusst gewesen sein. Und entscheiden sich, aus den USA, für eine Veröffentlichung, die rückblickend fast schon wie »ragebait« wirkt – und breite Kritik auf sich zieht, die von rechtskonservativen über radikalfeministische, katholische Akteure und die Unionsbasis bis zu linken Stimmen reicht. Ich verstehe schlichtweg nicht, was sich Spahn angesichts solcher einer Kommunikation erwartet haben soll. Ein Politiker seiner Gewichtsklasse, der sich trotz zahlreicher Skandale an der Macht halten konnte, weiß doch, welche Debatte er auslöst, wenn er als Fraktionschef der CDU wenige Monate nach dem eigenen Parteitagsbeschluss gegen Leihmutterschaft mit einer solchen Geschichte in dieser Form an die Öffentlichkeit geht. Dabei handelt es sich auch nicht um einen Politikanfänger, sondern um jemanden, der sehr kalkulierend ist. Mir kann doch niemand erzählen, dass jemand wie er mit seiner Vorgeschichte, »die Lage falsch einschätzt« oder »von den Reaktionen überrollt« wird. Vielmehr beschleicht einen das Gefühl, dass an dieser Timeline doch deutlich wird, dass der Rückzug ab einem gewissen Zeitpunkt zumindest teilkalkuliert gewesen sein muss, hingenommen wurde oder es andere Beweggründe gab, diesen Schritt so nicht-zu-kommunizieren. Das ist reine Spekulation meinerseits und nicht gesourct, aber umso länger ich über die Zeit Spahns als Fraktionschef, seine politische Karriere und das Handling dieser Leihmutterschaftsnummer nachdenke, desto mehr erscheint mir alles sehr, sehr schräg.

Wer hat’s erfunden? 😂

Nicht verpassen! Heute um 19:10 Uhr: Das Sommerinterview mit Bundeskanzler Friedrich Merz bei Berlin direkt im ZDF.





Niemand hat so sonderbare und gemeine Kollegen wie Journalisten Beileid
















