
Sehr schön. Da ist er wieder, der deutsche Debattenstil zwischen Bahnhofstoilette und Juso-Treff. Also gut, @NachdenkerOB: Das Gegenteil wovon eigentlich? Dass du Haare auf dem Rücken hast wie Väterchen Stalin? Mehr bezahlten Sex in Moskau hattest als Willy Brandt? Nicht? Schade. Aber ich habe mich noch einmal hingesetzt, diese ganze Klimakonsens-Operette sortiert und komme zu einem leider etwas komplizierteren Ergebnis als du, was natürlich schon das erste Problem ist, denn komplizierte Ergebnisse sind im deutschen Klimastreit bekanntlich nur dann erwünscht, wenn man sie anschließend mit den zwei vorhandenen Hirnzellen gespeichert bekommt und auf Demo-Pappe malen kann wie du. Kurzfassung: Nicht Cook und Lynas beweisen allein die Dominanz des Menschen bei der Erwärmung. Sie zeigen vor allem, dass explizite Ablehnung anthropogener Erwärmung in der Literatur selten ist. Die Dominanzfrage selbst gehört in die Attributionsforschung - und dort ist die IPCC-Lage deutlich stärker als jede 97-Prozent-Grafik.
Aber das ist ja schon der erste kleine Unfall in dieser ganzen Stolperprozession. Du tust so, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder die 97- oder 99-Prozent-Zahlen sind in jeder öffentlichen Zuspitzung sakrosankt, also geeignet für Talkshow, Kirchentag, Kinderbuch und grünen Landesparteitag, oder die gesamte Klimaforschung ist ein linksgrüner Taschenspielertrick mit Peer-Review-Schleifchen. Genau diese binäre Denkattrappe ist das Problem. Sie passt natürlich wunderbar in ein Land, in dem man sich beim Wort „Klimakrise“ gern so feierlich erschüttert, als habe man gerade persönlich die Apokalypse freigegeben bekommen. Besonders die deutschen Grünen brauchen den Weltuntergang ja nicht nur als Warnung, sondern als Geschäftsmodell, Ersatzreligion und pädagogisches Gesamtkunstwerk. Ohne drohendes Ende der Zivilisation bliebe am Ende nur noch Kommunalpolitik, Lastenradstellplätze und die schreckliche Möglichkeit, dass andere Menschen trotzdem weiterleben wollen.
Die seriöse Frage lautet nicht: „Ist Cook heilig oder Fake?“ Die seriöse Frage lautet: Was messen Cook et al. und Lynas et al. eigentlich - und was wird daraus in der öffentlichen Debatte gemacht? Bei Cook et al. wurden 11.944 Abstracts aus peer-reviewten Arbeiten untersucht. Das ist erst einmal keine Kleinigkeit. Aber: 66,4 Prozent dieser Abstracts äußerten keine Position zur anthropogenen globalen Erwärmung. Die bekannte 97,1-Prozent-Zahl bezieht sich auf die Abstracts, die überhaupt eine Position erkennen ließen. Das ist der kleine methodische Unterschied zwischen „Ich habe eine Studie gelesen“ und „Ich habe aus einer Zahl ein Wahlplakat geschnitzt“. Cook et al. schreiben selbst, dass unter den Abstracts mit Position 97,1 Prozent die Konsensposition unterstützten, wonach Menschen globale Erwärmung verursachen. Daraus folgt: Nein, die saubere Kritik lautet nicht, Cook habe einfach alle neutralen Papiere als Zustimmung gezählt. Das wäre zu grob. Die neutrale Masse wurde ausgewiesen. Der eigentliche Angriffspunkt ist subtiler und deshalb für Twitter natürlich fast schon unzumutbar: Die berühmte Prozentzahl wird öffentlich oft so verwendet, als hätten 97 Prozent aller gefundenen Papiere ausdrücklich denselben präzisen Satz unterschrieben: „Der Mensch ist der Hauptfaktor der aktuellen Erwärmung.“ Genau das leistet Cook in dieser Form nicht.
Und jetzt kommt die zweite Gemeinheit der Realität: Auch daraus folgt nicht, dass Cook „rein gar nichts“ belegt. Die Studie zeigt durchaus, dass explizite Ablehnung anthropogener Erwärmung in dieser Literaturauswertung selten war. Nur ist das eben nicht dasselbe wie ein wasserdichter Direktbeweis für jede zugespitzte Konsensformel, jede Talkshow-Pointe und jedes moralische Hochamt der Klimakommunikation, bei dem deutsche Grüne mit feuchten Augen vor der brennenden Weltkugel stehen und endlich wieder spüren dürfen, dass sie nicht einfach nur Politik machen, sondern die Menschheit erziehen. Das ist der kleine Unterschied zwischen Wissenschaft und Erlösungsdramaturgie: Die Wissenschaft fragt, wie stark welche Faktoren wirken. Die deutsche Klimamoral fragt, wann endlich alle anderen einsehen, dass sie schlechte Menschen sind.
Bei Lynas et al. ist es ähnlich. Die Studie von 2021 untersuchte 88.125 englischsprachige Klimapapiere aus den Jahren 2012 bis 2020 und kam öffentlich auf „mehr als 99 Prozent“ beziehungsweise in der Cornell-Kommunikation sogar auf „mehr als 99,9 Prozent“ Zustimmung zu menschengemachtem Klimawandel. Auch hier gilt: Das ist kein Orakelspruch vom Berg Sinai, sondern ein Ergebnis aus Suchbegriffen, Auswahlregeln, Klassifikationen und Definitionen. Man kann also fragen: Was galt als skeptisch? Was galt als Zustimmung? Was galt als neutral? Welche Papers wurden durch die Suchstrategie überhaupt gefunden? Und reicht das Fehlen expliziter Ablehnung schon als Konsensindiz? Das sind gute Fragen. Man darf sie stellen, ohne sofort im Keller der Ölindustrie zu wohnen. Wissenschaftliche Zahlen fallen nicht vom Himmel. Sie werden gebaut. Aber „gebaut“ heißt nicht automatisch „gefälscht“. Inflationsraten, Arbeitslosenquoten, Armutsgrenzen und Sterbetafeln sind auch gebaut. Wer daraus „also alles Lüge“ macht, hat nicht die Statistik durchschaut, sondern nur ihre Existenz bemerkt.
Der eigentliche Knackpunkt liegt bei der Formulierung: „Der Mensch ist der Hauptfaktor der aktuellen Erwärmung.“ Das ist stärker als bloß: „Menschen tragen zur Erwärmung bei.“ Und es ist auch stärker als: „CO2 ist ein Treibhausgas.“ Zwischen diesen Aussagen liegen mehrere Stufen, und wer sie alle in einen Topf wirft, kocht keine Erkenntnis, sondern Debatten-Gulasch. CO2 ist ein Treibhausgas. Menschen erhöhen die CO2-Konzentration. Diese Erhöhung verändert den Strahlungshaushalt. Menschen tragen zur Erwärmung bei. Menschen sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts der dominante Treiber der beobachteten Erwärmung. Und dann kommt, sehr zur Freude deutscher Transformationspriester, noch der sechste Satz: Deshalb ist genau meine Lieblingsmaßnahme politisch, moralisch, ästhetisch und heilsgeschichtlich alternativlos. Das sind nicht dieselben Sätze. Wer sie verwechselt, kann wahlweise Klimaaktivist, Klimaskeptiker oder Talkshow-Moderator werden. Erkenntnistheoretisch ist das ungefähr dieselbe Schadensklasse.
Deshalb ist die Kritik an Cook und Lynas dort stark, wo sie sagt: Die Prozentzahlen werden in der Öffentlichkeit überverkauft. Sie sind Konsenskommunikation, keine Attributionsphysik. Sie beweisen nicht jede konkrete Klimapolitik, nicht jede Modellrechnung, nicht jede Prognose und schon gar nicht die moralische Unfehlbarkeit jener Deutschen, die beim Wort „Transformation“ feuchte Verwaltungsaugen bekommen. Aber die Kritik wird schwach, sobald sie daraus macht: Also ist der menschengemachte Klimawandel nicht robust belegt. Das ist der beliebte Trick: Man sägt an der PR-Zahl und tut dann so, als sei der ganze physikalische Dachstuhl eingestürzt. Leider steht der Dachstuhl auf anderen Balken. Denn die Frage „Mensch oder natürliche Faktoren?“ wird nicht primär durch Cook oder Lynas beantwortet, sondern durch Attributionsforschung: Treibhausgase, Aerosole, Sonnenaktivität, Vulkanismus, Ozeanwärme, interne Variabilität, Beobachtungsdaten und Modellvergleiche. Der IPCC AR6 formuliert dazu nicht schüchtern, nicht „vielleicht“, nicht „könnte eventuell“, sondern: Es sei eindeutig, dass menschlicher Einfluss Atmosphäre, Ozean und Land erwärmt hat. In der IPCC-Zusammenfassung wird außerdem beziffert, dass die beobachtete Erwärmung seit 1850-1900 im Zeitraum 2010-2019 sehr weitgehend durch menschliche Einflüsse erklärt wird, während natürliche Treiber im Vergleich sehr klein ausfallen. NASA formuliert entsprechend: Die Erde erwärmt sich, und menschliche Aktivität ist die Hauptursache.
Das ist der Teil, den die Konsenskritik gern überspringt. Cook methodisch kritisieren? Gern. Lynas auseinandernehmen? Bitte. Die Prozentzahlen im öffentlichen Diskurs zurechtstutzen? Unbedingt. Aber wer danach so tut, als sei damit die Attributionsforschung erledigt, argumentiert ungefähr so, als würde man eine schlecht formulierte Pressemitteilung über Flugzeuge widerlegen und daraus schließen, dass Auftrieb eine Erfindung der Grünen sei. Umgekehrt gilt aber genauso: Wer aus Cook und Lynas eine Monstranz bastelt und damit durch die Republik zieht, um jede politische Zumutung als „die Wissenschaft“ zu verkaufen, betreibt keine Aufklärung, sondern Verwaltungstheologie. Das ist dann kein IPCC mehr, sondern ein Pfarrbrief aus dem Bundesumweltministerium.
Das faire Fazit lautet also: Cook und Lynas sind keine Zauberformeln. Ihre Zahlen hängen an Methodik, Kategorien und Definitionen. Vor allem Cook wird oft schlampig zitiert: Die 97 Prozent beziehen sich nicht auf alle untersuchten Abstracts, sondern auf jene mit erkennbarer Position. Außerdem werden unterschiedlich starke Formen von Zustimmung zusammengefasst - von impliziter Annahme bis zu deutlicherer Zustimmung. Deshalb sollte man diese Zahlen nicht so verwenden, als bewiesen sie allein den präzisen Satz, dass 97 oder 99 Prozent aller Klimapapers ausdrücklich den Menschen als Hauptfaktor der aktuellen Erwärmung quantifizieren. Aber ebenso gilt: Daraus folgt nicht, dass die Studien „rein gar nichts“ belegen. Sie zeigen, dass explizite Ablehnung anthropogener Erwärmung in der einschlägigen peer-reviewten Literatur sehr selten ist. Und vor allem folgt daraus nicht, dass die menschengemachte Erwärmung selbst fachlich erledigt wäre. Diese stärkere Aussage ruht auf der Attributionsliteratur, nicht auf einem hübschen Konsensaufkleber.
Die gute Kritik lautet: Die Konsenszahlen werden politisch überdehnt. Die schlechte Kritik lautet: Weil die Konsenszahlen methodisch angreifbar sind, ist der wissenschaftliche Grundbefund weg. Das eine ist Methodenkritik. Das andere ist intellektuelles Hütchenspiel mit Wetterkarte. Also, lieber „Hohlfrucht“-Rufer: Das „Gegenteil“ ist nicht die Behauptung, dass Cook und Lynas makellos seien. Das Gegenteil deiner Kurzschlusslogik ist, dass man zwei Dinge gleichzeitig denken kann, ohne dabei sofort aus der Kurve zu fliegen: Ja, die 97- und 99-Prozent-Zahlen sind als öffentliche Schlagzahlen gröber, als ihre Verteidiger oft zugeben. Und ja, die Fachlage zur menschengemachten Erwärmung ist deutlich robuster, als ihre Gegner aus dieser Kritik gern ableiten. Ich weiß, zwei Gedanken gleichzeitig sind in manchen Milieus bereits betreutes Denken. Aber man wächst ja mit seinen Aufgaben. Sogar in Deutschland. Angeblich.
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